Kategorie: Quellen

Entnommen aus: Rheinische Post vom 13. November 1954.

Wuppertal, Stadt der vielen Gesichter

Die neue „City“ in Elberfeld / Barmer Ressentiments / Ausgleichende Kommunalpolitik

Wuppertal. Die bald wieder 400 000 Einwohner zählende Großstadt im Tal der schwarzen Wupper, die heute wie früher Magd der fleißigen Färbereien und Textilfabriken ist, bleibt eine Stadt mit vielen Gesichtern. In ihr lebt eine rührige Industrie, die ob ihrer Vielgestaltigkeit bewundernswert krisenfest ist, in ihr ist aber auch noch der fast puritanisch anmutende Geist des Protestantismus vorhanden, neben dem heute eine lebendige katholische Diasporagemeinde existiert, in ihr herrscht eine kulturelle Aufgeschlossenheit, die vornehmlich die Städtischen Bühnen unter dem in Wuppertal gebürtigen Generalintendanten Helmut Henrichs zu einem vielbeachteten westdeutschen Theater gemacht hat.

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1958 schrieb der bekannte Kunstsammler und Kritiker Albert Schulze Vellinghausen ein Essay über Wuppertal, das am 25. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde. „In Wuppertal schwebt man“, so lautet die Schlagzeile, sie war einem Plakat des Verkehrsamtes (für den Tourismus zuständig) entlehnt. Durch die Schwebebahn erhalte die strenge Stadt etwas von einem „Vergnügungsetablissement“.

„Zugereiste behaupten, kaum eine Bevölkerung in Deutschland stände so mit beiden Beinen auf dem unvermeidlichen Boden der Realität. Die Realität ist hier ein ungemein erfindungsreicher Gewerbefleiß. Das Branchen-Adreßbuch führt 831 Arten Gewerbe und Tätigkeiten auf. Zumeist handel es sich um klug getüftelte Spezialisierungen der Textilfabrikationen, der Kleinmetallindustrie und der Herstellung von Farben und Lacken. Gleichwohl läßt sich – soweit man 400 000 Köpfe auf einen Nenner bringen darf – die Behauptung wagen, sie seien vom Grund ihres Herzens bereit „zu schweben““.

Es folgt eine kurze Beschreibung der Geschichte, beginnend mit der Garnbleiche und des ersten Aufflackerns des Protestantismus. Als dann der Calvinismus einzog, „beflügelte der feste Glaube an die Prädestination den Elan des Erwerbssinnes, Arbeit und Gewerbe wurden Gebet. Wirtschaftlicher Erfolg wurde Gradmesser für tugendhaftes Verhalten.“ Mit den Webern habe dann der Pietismus Einzug gehalten; mit karitativer Selbstlosigkeit, aber auch Messianismus, Unduldsamkeit, Fanatismus. Daher habe Wuppertal dann den Spitznamen Muckertal erhalten. Immermann habe Wuppertal „infames Nest“ genannt,  Freiligrath gar „Sektenschlucht“. Aber dass man den Wuppertaler nachsage, sich auch heute noch in 200 Sekten aufzuspalten, sei ungehörig, nur 15% (50.000 Menschen) gehörten freikirchlichen, freireligiösen und freidenkerischen Gemeinden an. Dennoch gebe es natürlich gewisse Traktate wie „Licht über sieben Donnern“ oder „Uebernatürliche Verwesungswahrheiten“. Auch wenn die Zahl dieser Zusammenschlüsse nicht mehr als 40 betrage, müsse man doch zugeben, dass auch die Lehrmeinung innerhalb der „offiziellen“ Protestantischen Kirche (Unierte, Lutherische, Reformierte) je nach Stadtteil voneinander abweichen würde…
Doch weiter in der Geschichte:

„Das Wuppertal, die damals noch feindlichen Schwesterstädte Elberfeld und Barmen zusammengerechnet, hatte vor hundert Jahren gut 85 000 Einwohner.. Es war mithin damals größer als Leipzig, Stuttgart oder München; viel größer als die Städtchen des noch nicht erschlossenen Ruhrgebiets, schien es gar eine Zeitlang die rheinische Metropole Köln zu überflügeln. Wuppertal nahm die sozialen Probleme der Gründerzeit vorweg.“

 Es folgt die Beschreibung des Armensystems, schließlich widmet sich Schulze Vellinghausen den berühmten Wupppertalern. Friedrich Engels, Hans von Marées, Wilhelm Dörpfeld, Carl Duisberg, Ferdinand Sauerbruch, Ernst Bertram und Else Lasker-Schüler. Dann kommt er auf die Kunst zu sprechen.

„Daß die Kunst früher in Wuppertal eine mehr als „geduldete“ Rolle gespielt habe, läßt sich mit keinerlei Argument belegen. Ich erwähnte schon Immermanns Abscheu. Felix Mendelssohn fühlte sich kaum weniger unwohl. Goethe spricht von „beschränkten, häuslichen Zuständen“; sogar seinem pietistischen Freunde Jung-Stilling war die doktrinäre Enge zuwider. Die Musen hatten keinen Raum im Betsaal.“

Allmählich habe sich mit der Saturierung des Wohlstands aber auch etwas Kunstsinn in der Stadt verbreitet. 1900 habe man sogar im alten Rathaus ein Museum [heutiges von der Heydt-Museum] gegründet, dass in der Hinsicht ein Unikum bis heute darstelle, da der Museumssockel an Einzelhändler vermietet worden sei. Dass die musische Tradition in Wuppertal fehlte, sei nun in der Hinsicht positiv, dass man moderne, gegenwärtige Kunst gekauft und ausgestellt habe. (Möglichweise sei das calvinitische Veto gegen bildlich-religiöser Kunst der eigentliche Grund, da die moderne Kunst vornehmlich mit Mustern arbeite… „hier zählt das paradoxe Ergebnis, daß man im konservativsten Bürgertum erstaunlich avantgardistisch sammelt.“)

„Theater aber und bildende Kunst machen noch nicht das Leben aus, das man „kulturell“ zu nennen pflegt. Es gibt in Wuppertal —von bemerkenswert guten Schulen, von der Volkshochschule, der Textilingenieurschule und der durchaus bestrebten Kunstgewerbeschule abgesehen — eine Institution, die der Stadt den Namen eintrug: Universitätsstadt ohne Universität. Diese Institution ist eine Laienakademie, schlicht genannt „Der Bund“. Im ‚Untertitel: Gesellschaft für geistige Erneuerung, gegründet 1946. Diese Gesellschaft, finanziert von der Stadt und geleitet von H. J. Leep, umfaßt Arbeitskreise und Diskussionsabende, nicht anders als manche Volkshochschule; aber zeichnet sich aus durch ein besonderes Maß Intensität, der Thematik sowohl wie der Anforderungen.“

Und wie ist es mit der Musik? Wie das ganze Bergische Land sei auch Wuppertal eine Domäne der Gesangvereine, alleine in der Stadt gebe es über 150. Außerdem brächte das Land und die Stadt viele Tenöre hervor. Darüber habe die die Stadt noch ein weiteres Paradox: Der Oberbürgermeister sei gleichzeitig SPD-Funktionär und Kleinfabrikant, kenne also die Sorgen und Nöte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. [gemeint ist Hermann Herberts]

„Ein lebendiges Kompromiß: Fleiß und Eigensinn, Nonkonformismus, Weltflucht und Weltoffenheit, patriarchische Strenge verbunden mit tätigem Sinn für den Nächsten — diese Mischung hat sich nun, über mehr als eines Jahrhunderts Länge, durchaus realistisch bewährt und bewiesen.“

„Es wären noch manche Kuriosa zu nennen, von dem rechnenden Pferd des Juweliers Krall — dem „klugen Hans“, der zur Zeit unserer Väter die Weltöffentlichkeit faszinierte — bis zu der gewerblichen Findigkeit, mit der hier ein Fabrikherr Vermögen machte: Er exportierte Pulswärmer an den Kongo, für die kalten Nächte dort in den Tropen. Es ist Findigkeit, welche nach unserem Erachten dem Surrealismus zugehört.“

Dann ging Albert Schulze Vellinghausen der Platz auf dem Papier aus und er konnte nur noch einige Dinge anmerken, die er nicht mehr ausführen konnte. Zum Beispiel dies:

„Vieles hat sich in diesem Versuch einer kurzen Monographie der Stadt nicht einmal streifen lassen. […] Nicht die glückliche Fatalität, daß die Stadt, geographisch beengt zum Phänomen des „bebauten Grabens“, dem Schicksal entging, zum Wasserkopf und zur Millionenstadt anzuschwellen. Günstiges Geschick! denn so blieb der Stadtrand immer erreichbar. Es gibt im Westen kaum eine Industriestadt, deren Bewohner so rasch im Grünen sind — im hügelig freien Waldgelände des Bergischen Landes und seiner Höhen. Es beginnt unmittelbar am Rande der Talschlucht.“

Am 1. September 1910 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ folgender Text von Else Lasker-Schüler über die Jubiläumsstadt Elberfeld:

Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck

Von Else Lasker-Schüler

„Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es, god, dat es god, gäwt et wat tu erwen!“ Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich‘ bin ihr Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken mir zu, länge Rotschwarzweißarme, die mich umfangen wollen. Ich soll
überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei schärfe Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht —
wer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses aus der Friederizianischen Zeit? Es lebt noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und Doktorhäuslern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht, frech-gewordne Sklaven, die nach Belieben ein- und heraus lassen. Selbst viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt und der hat es wieder dem Sohn anvertraut und nun weiß es der Enkel, der wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; — immer träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, „ewwer en doller Gesell wors gewäsen“. Oft ließ ich‘ vor Angst die Bücher fallen oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule säumen, jedes Fenster zur Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld, weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. —
Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. „Wat wollt Öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von´neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussel fahren. „Lott es doot, Lott es doot‘, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf, das überzeugt das rohe, Gesindel.. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern- —
Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine´Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. „Wat wollt Öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussel fahren. „Lott es doot, Lott es doot‘, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf,ndas überzeugt das rohe, Gesindel.. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern- —

Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor „dreihundert“ Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zuguterletzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. „Die sinn ut Engeland bei Paris.“ — Nun hinein ins Köllner Hälnneskein! Gewaltsam zerre ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. „Sie werden noch gestochen werden wie Ihr Vater einmal.“ Durch seine Uhr ging;
die Spitze des Metzgermessers, Am anderen Morgen führten die jammernden Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er wußte, daß sie kommen würden und drei Gläser und eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et dar wackere Här Schüler verzeehen mödd … Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch und grün nach‘ der Seele des‘ Wuppertals.“

Räuber in Langerfeld

Die „Beilage zu Nr. 20 der Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstentum Ratzeburg. (Schönberger Anzeigen.) Schönberg, den 9. März 1894.“ vermeldete an diesem Tag folgendes:

„In den „Höfen“ in der Nähe von Rittershausen auf Langfelder Gebiet befindet sich eine sehr geräumige Höhle. In derselben entdeckte kürzlich die Polizei 180 Stück Dynamitpatronen, mehrere Waffen, darunter vier scharfgeschliffene Säbel und eine Menge anderer jedenfalls gestohlener Gegenstände. Drei Personen im Alter von 24-30 Jahren, die darin ebenfalls angetroffen wurden, wurden verhaftet und ins Gefängniß nach Elberfeld eingeliefert.“

Quelle.

Rittershausen heißt heute Oberbarmen.

The Kaiser opens a novel railway

An dieser Stelle soll heute eine etwas in Vergessenheit geratene, sporadische Reihe in diesem Blog wieder auferstehen: das Zitieren von Texten über Wuppertal, die Einblick geben in die Geschichte dieser Stadt. Heute gibt es eine zufällig im Netz gefundene Kurzmeldung der New York Times vom 25.Oktober 1900:
„Kaiser opens an novel railwayNew Suspension Road Between Elber-
feld and Barmen DedicatedBerlin, Oct. 24 – Emperor William and
Empress Augusta Victoria to-day dedicat-
ed with elaborated ceremony the suspension
railway which runs belong the River Wipper
and connects Elberfeld and Barmen,
a high, ingenious structure. The Kaiser
made the initial ride over the line.
Subsequently his Majesty attended the
dedication of the Hall of Fame in Barmen.
Replying to an address by the Burgomas-
ter, the Emperor warmly acknowledged, on
behalf of the Empress and himself, the
cordial reception tendered him by the pe-
ople of the town.
„I am happy to say,“ he remarked, „that
my mother’s condition allows me to pay
this visit to Barmen, although the joyous
beating of my heart is still troubled by the
shadow that hangs over her. She request-
ed me to greet the city in her name.“
The Emperor and Empress are expected
to return to Berlin Friday.“
Quelle im Archiv der New York Times

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Als die Winter noch Winter waren…

… und Autos noch nicht so mobil waren:

„Gemäß §30 der Straßenpolizeiverordnung vom 16.Mai 1914 werden folgende Straßen zum Rodeln polizeilich freigegeben: 1. In der Birken: vom Vereinshaus nach der Beek; 2. Am Cleefkothen; 3.Ravensbergerstraße bis zur Einmündung der Hatzenbeckerstraße; 4. Am Freudenberg, von der Wirtschaft Ulmenräder bis am Forsthof; 5.Gelpeweg, vom Freudenberg bis Bergisch Nizza (Remscheiderstraße); 6.Grifflenberg, vom Husar bis zur Abzweigung des Weges nach Ostersiepen; 7. Hainstraße, vom „Am Pfaffenhaus“ bis zum Alten Hessen“; 8.Jung-Stilling-Weg, vom „Rigi Kulm“ bis Wirtschaft „Sainsche“; 9. In der Ossenbeck, vom „In den Stöcken“ bis Wäscherei  Kampermann; 10. Rennbaumerstraße bis zur Gelpe; 11. Ringstraße, von der Katernbergerstraße bis zur Varresbeck, sowie von der Varresbeck bis zur Möbeck; 12. In den Stöcken, Haus Eichhoff bis Haus Nr.11 (Wirtschaft Becker); Die zum Rodeln freigegebenen Strecken sind an ihren beiden Endpunkten durch Aufstellung von Tafeln „Zum Rodeln polizeilich freigegeben“ gekennzeichnet. Das Rodeln ist nur auf dem Fahrdamm und nur bis 11 Uhr abends erlaubt. Die Rodelbahnen dürfen von Schlittschuhläufern und Bobschlitten nicht befahren werden. Es ist nicht statthaft, daß Personen mit angeschnallten Schlittschuhen auf dem Rodelschlitten die Bahn befahren. Verboten ist ferner die Verkoppelung von zwei oder mehr Rodelschlitten bei der Talfahrt. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe von 1-30 Mk., im [Nichtbegleichungsfalle] der Geldstrafe mit Haft bis zu drei Tagen bestraft.“

Entnommen aus: Täglicher Anzeiger, Amtliche Zeitung der Stadt Elberfeld, Nr.299, 13.November 1919, Abend-Ausgabe.

Tariff Trippers im Wuppertal: William Queen

William Queen aus Edinburgh war Distriktfunktionär der Fuhrleute-Gewerkschaft, Ex-Sozialist und 1910 Teil der „tariff trippers“, die Elberfeld und Barmen besuchten. Er schrieb zur Schwebebahn:

„[…]In Elberfeld war ich äußerst fasziniert von der Schwebebahn; die einzige dieser Art, die ich je gesehen habe. Bei dieser Bahn fahren die Wagen durch die Luft, aufgehängt an einem Einschienensystem. Ein anderer bemerkenswerter Aspekt in Verbindung damit ist die Tatsache, daß der Raum über dem Wasserlauf für den Zweck dieser Bahn genutzt worden war. Auf diese Weise wurde eine hohe Finanzaufwendung vermieden, die durch den Ankauf von Bodenflächen, den Abriß von Häusern, die Konstruktion von Brücken etc. entstanden wäre, wenn man die Bahn auf Mutter Erde hätte fahren lassen.[…].“

entnommen aus: Jürgen Reulecke, Bergische Miniaturen. Geschichte und Erfahrungen, hrsg. von Stephen Pielhoff, Essen 2010, S.237. 

Tariff Trippers in Wuppertal: Fred Howard

Auch Fred Howard aus Farnsworth/Lancashire, der als Angestellter einer Baumwollweberei beschäftigt war, gehörte zu den „tariff trippers“. Was schreibt er über Barmen?

„[…] Als wir im Arbeiternachweisbüro waren, äußerten wir den Wunsch, die Wohnung eines Arbeiters zu besichtigen; der Beamte kam unserer Bitte nach und er suchte einen Arbeiter. Wir gingen mit diesem, seine Wohnung zu besuchen, die aus drei großen, sauberen, und gesunden Räumen besteht, für die als Miete vier Mark die Woche ohne Abgaben zu zahlen waren. Sein Name und seine Anschrift waren Hugo Meyer, 3.Stock, Hochstraße 67, Barmen. Wir fragten ihn über seinen Beruf aus und fanden heraus, daß er ein Baumwollgarnfärber war.[…]
Die Färber um Barmen arbeiten 57 Stunden in der Woche, und alle Männer werden nach Stücklohn bezahlt. Arbeiter, die am Färberbottich arbeiten, können zwischen 30 und 36 Mark  Arbeiter, die an den Spülbecken oder großen Kästen usw. beschäftigt sind, zwischen 28 und 33 Mark pro Woche verdienen, was eine weit bessere Bezahlung ist, als sie die Mehrheit von Färbern in England erhält.“

Die Hochstraße in Barmen ist heute der östliche Teil der Straße Hohnstein, zwischen Adlerstraße und Steinweg. So zeigt es zumindest dieser Stadtplan Elberfeld – Barmen 1890.

Ob die Arbeitsbedingungen und -entlohnungen wirklich in Elberfeld und Barmen so vorteilhaft waren, wie es u.a. Fred Howard behauptet, ist zumindest zweifelhaft. Man darf nicht vergessen, dass die tariff trippers in einer politischen Angelegenheit unterwegs waren.

entnommen aus: Jürgen Reulecke, Bergische Miniaturen. Geschichte und Erfahrungen, hrsg. von Stephen Pielhoff, Essen 2010, S.237.

Tariff Trippers in Wuppertal: George Green

George Green (Plakatierer und ehemaliger sozialistischer Arbeitssekretär) war ebenfalls einer der tariff trippers, die im April 1910 Elberfeld besuchten. Ein Auszug seines Berichtes:

„Elberfeld war die erste Stadt, die wir nach unserer Ankunft in Deutschland besucht haben, und sie war in der Tat in mehrfacher Hinsicht eine Offenbarung für mich. Elberfeld ist eine Stadt von etwa 160 000 Einwohnern, von denen eine große Zahl in der Textilindustrie beschäftigt ist.[…]
Die überraschenste Tatsache war aber für mich die völlige Abwesenheit von Müßiggängern außerhalb der Gaststätten, weiterhin das Fehlen von Männern, Frauen und Kindern, die Schnürriemen, Streichhölzer usw.verkaufen. […] Jeder scheint einer Beschäftigung nachzugehen. Wir sahen kein einziges Mal ein Kind, das eindeutig als zerlumpt oder ohne Schuhe hätte bezeichnet werden können. Wir besuchten auch eine Arbeitergaststätte, wo man ein großes Glas Bier für zehn Pfennig erhalten konnte, also weniger als einen Penny. Die Gaststätte war äußerst sauber und behaglich, und es standen dort Tische mit frischen Tischdecken, auf denen Zeitungen auslagen. […]“

entnommen aus: Jürgen Reulecke, Bergische Miniaturen. Geschichte und Erfahrungen, hrsg. von Stephen Pielhoff, Essen 2010, S.236

Tariff trippers im Wuppertal: John T.Catterall

Es war im Frühjahr 1910 als englische Gewerkschafter, spöttisch „tariff trippers“ genannt, durch Deutschland zogen, um zu erkunden, wie die Lebensbedingungen des deutschen Arbeiters denn seien, nachdem die Marke „made in germany“ begonnen hatte, englische Produkte zu überragen. Auch das neue Kaiserreich und die Sozialpolitik Bismarcks standen in England im Rahmen eigener Tarifauseinandersetzungen zur Debatte. Schließlich hatte der englische Finanzminister Lloyd George behauptet, dass das Schwarzbrot, dass den Arbeitern in Deutschland zur Verfügung stehe, so ekelhaft sei, dass nicht einmal Bettler es essen würden. Durch Spenden gefördert, besuchten mehrere Arbeiter im Frühjahr 1910 auch Elberfeld und Barmen, um die Lebensumstände hier unter die Lupe zu nehmen: Einer davon war John T.Catterall aus Wallington / Surrey
„Die Durchschnittslöhne [in Elberfeld] sind folgende: Männliche Arbeiter 24 Mark pro Woche, männliche Zurichter von Webstühlen 27 Mark pro Woche. Mechaniker, die Reparaturen ausführen, 24 Mark pro Woche. Junge Frauen im Alter von über 16 Jahren, die als Spulmädchen, weibliche Zurichter und Weberinnen beschäftigt sind, verdienen zwischen 14 und 15 Mark die Woche. Jungen (unter 16) erhalten geringfügig weniger. Alle Industriezweige blühen, die Löhne sind in den letzten zehn Jahren um 26% angestiegen [..] Die Höhe der Miete ist angemessen: […] drei Räume mit Küche kosten durchschnittlich vier Mark pro Woche.[…]

Wir nahmen in den Schaufenstern, die gut beleuchtet sind, die folgenden Artikel und Preise zur Kenntnis: Schuhe pro Paar 5- 14,50 Mark; Kleidung (ganze Anzüge) von 18-50 Mark; Hüte -aus England importiert- 3-4,50 Mark; Mützen 0,50-2,50 Mark; Strümpfe und Socken von 0,80 Mark das Paar aufwärts; Kragen, Hemden und Krawatten: Preise wie in England […]

Eier, 14 Stück, für 0,50 Mark; Speck pro Pfund 0,70-0,95 Mark; Schweinefleisch pro Pfund 0,75-0,95 Mark, […] Butter 1,00-1,25 Mark das Pfund. Weizenbrot wird in Form von Brötchen angeboten, ähnlich jenen, die in unseren Restaurants erhältlich sind, und es ist nicht teurer als in England. Graubrot, das aus einer Mischung von Roggen und Weizen besteht, erfreut sich einer weit über der für Weizenbrot liegenden Popularität und ist äußerst schmackhaft und zufriedenstellend; es ist billig, in vielen Fällen billiger als unser normales englisches Alltagsbrot; da ich es regelmäßig gegessen habe, kann ich seine Bekömmlickeit bezeugen.“

 John T.Catterall war am 24.März 1910 in Elberfeld.

entnommen aus: Jürgen Reulecke, Bergische Miniaturen. Geschichte und Erfahrungen, hrsg. von Stephen Pielhoff, Essen 2010, S.234f.

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