Kategorie: Quellen

Zwei Besuche des Königs in Elberfeld

Entnommen aus: Hermann Joseph Aloys Körner, Lebenskämpfe in der Alten und Neuen Welt. Eine Selbstbiographie, Band 2, Zürich 1866, Volltext bei Google Books.

16. August 1848 und 27./28. August 1842

[Wupperthaler in Düsseldorf]

[…]

Das dauerte aber dem Könige und der Hof- und Junkerpartei zu lange. Darum suchte „der März-deutsche König“ in höchsteigner Person sich neue Stützen für den Rückschritt zu werben. Als es ihm gelungen, daß die Armee am 6. August der Reichsgewalt „nicht“ gehuldigt, reiste er zunächst an den Rhein. Einen guten Vorwand fand er in der „Grundsteinlegung“ zu einem Portale des Cölner Domes, um dem Volke neue Phrasen vorzufödern. Mit den thatenschwachen Cölner Bürgern gelang ihm dies vortrefflich; denn ein Jeder, der ihrem Pfahlbürgerthum mit einem „Alav Cöln“ schmeichelt und ihrem Pfaffenwesen huldigt, hat sie gewonnen – wenn auch nicht gerade in so hohem Grade, daß sie sich dafür todtschlagen ließen.

In Düsseldorf war das schon anders. Dort beschloß der Gemeinderath, den König, der schon jetzt sein erst im März gegebenes Wort gebrochen, „nicht officiell zu empfangen“.

In Elberfeld, – ja in Elberfeld! – da beschloß der Stadtrath, von , August v. d. H.“ geleitet, einen „officiellen Tadel über den Gemeinderath in Düsseldorf“ auszusprechen. In einer von demselben Herrn veranlaßten „Bürgerversammlung“ wurde dann die Elberfelder Stadtbehörde ersucht, in Begleitung aller Staats- und Stadtbeamten und im Anschluß aller loyalen Bürger des Wupperthales, den König bei seiner Ankunft in Düsseldorf“ zu begrüßen. Ich war dadurch von Amtswegen zu dieser Demonstration commandirt. Das Einzige, was wir Demokraten auf dieser Versammlung gegen „August v. d. H.“ erringen konnten, war der Beschluß: daß Niemand der Begrüßenden verpflichtet sei, statt der bisher getragenen „schwarz-roth-goldenen“, die „schwarz-weiße“ Cocarde aufzustecken. Letztere hatte „August“ ausschließlich proponirt. Am betreffenden Tage fuhren wir, die Stadtbehörden und Beamten, von einer großen Anzahl Bürger mit preußischen Cocarden, begleitet nach Düsseldorf und als der König durch unsere aufgestellte Reihe musternd schritt „die Begrüßenden aus dem Lande der Berge“, wie der wohlbeleibte aber jugendliche Elberfelder Oberbürgermeister in seiner Ansprache sich ausdrückte, – da blieb er nur bei den mit Schwarzweiß Geschmückten kürze Augenblicke witzig-sprechend stehen, während er mit sichtlicher Verachtung an den Wenigen vorüberschritt, die, wie ich, mit schwarzrothgoldenem Bande geschmüdt waren. Doch hatten wir so mit „Königlicher Verachtung“ behandelten Deutschen nachher den Vortheil, auf unserem Spaziergange durch Düsseldorf nicht, wie die meisten schwarzweißen Wupperthaler und ihr König selbst, vom Volke in Düsseldorf insultirt, sondern mit „freudigen Hurrah’s“ begrüßt zu werden.

[Der König in Elberfeld]

Zwei Tage später zog der nun specifisch preußische König in Elberfeld ein. Er ehrte die Stadt dadurch, daß er vom Bahnhof zu Fuß durch die in Reihen aufgestellte Bürger- und Landwehr bis zum neuen Hause oder vielmehr Palaste des „Daniel v. d. H.“ schritt. Der Mann war sichtlich erfreut über „all die preußischen Fahnen“, die ihn umflatterten, und konnte des Winkens und königlichen Lächelns kein Ende finden. „Daniel v. d. H.“ hatte sich auf der Treppe in den heute zum ersten Male geöffneten „Hauptthore“ seines Hauses mit seiner schönen Frau und sechs liebenswürdigen Kindern im Halbkreise aufgestellt und empfing da den „Hohen Herrn“ mit dessen eigenen Worten: „Ich und mein Haus, wir wollen dem Herrn dienen!“ – Mußte dies den „Guten König“ nicht noch froher stimmen? – Bald hatte die Freude den Monarchen so sehr überwältigt, daß er, rothglühend im ganzen Gesichte bis hoch über den Scheitel hinüber, mit gefülltem mächtigem Pocale auf den Balcon vor das Volk trat, ihn hochschwenkte, so daß der feurige Wein funkelnd umhersprühte, und auf meines Volkes Wohl!“ ausleerte. Daß er den Pokal „mit dem Einen Zuge“ auch völlig geleert habe, dazu machte er, mit dem leeren Becher noch mehr vortretend, vor dem Volke, „die Nagelprobe“.

[Die „lustige Blamage“ von 1842]

Mir fiel, als ich dies Alles mit ansah, die lustige Blamage ein, welche die Elberfelder bei der letzten Anwesenheit desselben Königs es war 184[2], etwa ein Jahr nach seiner ersten vielversprechenden Thronrede gewesen sich zugezogen hatten, und die mir wie eine Reihe Hohnbilder vor die Seele trat. Der Elberfelder Stadtrath hatte damals den Bau zweier Triumphthore angeordnet und mir, dem Quasi-Aesthetiker des Ortes, den Entwurf der Pläne übertragen. Denn auch ich war damals noch voll Hoffnungsbegeisterung. Beim Eingange in die Stadt, an der Barmer Brücke, hatte ich zwei kolossale Victorien auf hohen griechischen Piedestalen“ projectirt, die zu beiden Seiten der Straße aufgestellt quer über dieselbe eine reiche Guirlande von natürlichem Grün und Blumen hoch empor halten sollten. Zur Zierde des Ausganges der Stadt hatte ich „zwei hohe Säulen“ bestimmt, von denen eine , das deutsche“, die andere das ,preußische Wappen“ in kolossalem Maßstabe trug. Die Victorien, jede neun Fuß hoch, waren nach meiner Zeichnung und unter meiner Leitung in Elberfeld selbst aus Gyps modellirt worden. Kurz vor dem Eintreffen des Königs war der Stadtbaumeister Heuse, der die sechszehn Fuß hohen Piedestale etwas spät beschafft,

immer noch mit dem Aufstellen der viele Centner schweren Figuren beschäftigt; er hatte Krahne herbeischaffen müssen, um sie an ihre Stelle zu heben. Noch ehe die ganze Last der ersten dieser Figuren auf ihr Piedestal drückte, krachte dieses zusammen; die Piedestale waren zu schwach construirt! Welche Verwirrung, welches ängstliches Umherschießen des aufgeputzten Oberbürgermeisters zwischen den rathlos ihre weißen Glacéhände faltenden Stadträthen! – Noch ehe die Standpfeiler von Innen gestützt und verstärkt werden konnten, war die Wartezeit vorüber. Der König fuhr mit seinem Gefolge ein; der begierig sich umschauende königliche Heros mußte es erblicken, wie die eine der Victorien über ihrem Piedestal an Ketten baumelte, die andere aber im Straßenschmutz am Fuße ihrer Standsäule die langen Arme emporstreckte, wie voll Jammer die Hände über dem belorbeerten Kopfe zusammenschlagend, während die reichen Blumen und Blätterguirlanden von Roß und Wagen in den Straßenkoth gestampft wurden. Dem konnte der geistreiche König vorerst keinen Witz abgewinnen; als man ihm aber später, im Empfangssalon, meine Zeichnung des Arrangements zeigte, um ihm zu erklären, „wie es hätte aussehn sollen“, – da witzelte er rückwärts zu dem hinter ihm devot-gebeugt stehenden damaligen Oberpräsidenten Bodelschwingh: „das war allerdings zu schwer für die Herren im Wupperthale!“Und andern Tages ach! es war ein zweiter Tag schmerzlicher Freudentäuschung! als der Monarch aus der Stadt hinaus und weiter fuhr, und der Himmel selbst ihn angehöhnt hatte, da ging ihm auch der eigene Witz aus und im Aerger schrie er dem neben ihm zitternden fast erbleichten Oberbürgermeister zu: „Das sieht ja aus, wie von Hunden angepißt!“ Der unglückliche Baumeister hatte nämlich den Kern , der beiden hier stehenden hohen Säulen“ aus Latten so construirt, daß sie die Streifen der Cannelirungen bildeten, hatte dann das Ganze so mit marmorartig bestrichenen Canevas bekleidet, daß die Säulen recht wohl in einiger Entfernung als aus Marmor gehauen angesehen werden konnten. Aber – wie viele verhängnißvolle „Aber“ mögen schon den besten Willen verwässert haben! – aber unmittelbar vor der Abfahrt des Königs hatten die fliehenden Frühlingswolken einen Schlagregen niedergesandt, der vom frischen Winde geleitet den Canevas an der einen der Stadt halb zugekehrten Seite völlig durch näßt hatte und ihn wie nasse Waschlappen um den Lattenkern schlottern machte. – „Heute“, so dachte ich, als der Preußenkönig mit seinem Becher in den Salon zurückwankte, – , heute wären die Empfangsdecorationen von damals noch passender gewesen!“ –

Bericht des landräthlichen Kommissars Bredt über den 18.3.1848

LAV NRW Regierung Düsseldorf Präsidialbüro Nr. 793, Bl. 222
Entnommen aus: Tania Ünlüdag, Historische Texte aus dem Wupperthale. Quellen zur Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, Wuppertal 1989.

19.3.1848

Euer Hochwohlgeboren werden durch mein ın der vergangenen Nacht per Estafette an den General Chlebus daselbst abgesandtes Schreiben, so wie durch besonderes Schreiben des hiesigen Oberbürgermeisters bereits von den beklagenswerthen Excessen des gestrigen Abends in hiesiger Stadt unterrichtet worden sein. Man fing gegen 9 1/2 Uhr mit Demolirung des Hauses und der Fabrikgebäude des Fabrikanten van der Beck’ an. Der Gemeinderath, den ich vorher versammelt hatte, war des festen Glaubens, daß am Abend alles ruhig bleiben würde, und hatte auf meine ausdrückliche Anfrage: „ob nicht unter den obwaltenden Umständen auf Requisition von Militär Bedacht zu nehmen“
diese Anfrage einstimmig verneint

Als der Sturm dennoch ausbrach und die Arbeiter, fremde und einheimische vom Johannisberg aus in großen Massen durch die Straßen der Stadt lärmend und pfeifend nach dem van der Beckschen Lokale zogen, war der Sicherheitsverein noch nicht völlig ins Leben getreten, weil er bei dem größeren Theil der Mittel=Bürgerklasse keinen Anklang gefunden hatte. Die disponible Polizeimannschaft war zu schwach um dem rohen, von Zerstörungslust beseelten und mit schweren Steinen und anderen Werkzeugen bewaffneten Haufen in seinem Beginnen Einhalt zu thun. Dennoch versuchte ich es, an ihrer Spitze, ihm entgegenzutreten und durch Zureden und besänftigende Worte die Massen zu zerstreuen, mußte mich aber zurückziehen, weil ein frecher Mensch, der in derselben Nacht, weil ich seinen Namen erfahren, och verhaftet wurde, mich selbst unsanft berührte und von allen Seiten mit schweren Steinen geworfen wurde. Inzwischen ließ der Pöbel seine Zerstörungswuth an dem Hause des p. van der Beck aus, riß die eisernen Treppengelände[r] herunter, warf mit Steinblöcken gegen Thüren und Fenster um diese zu sprengen und suchte in dieses einzudringen, um es wahrscheinlich mit den Fabrikgebäuden völlig niederzureißen.

Glücklicherweise ist dieses verhindert worden! Denn indem die Nachricht anlangte, daß man das Rathhaus stürme und dort alle Fenster einwerfe, eilte alles vorerst nach diesem Schauplatz. Hier hatte sich eine ungeheure Menschenmenge versammelt, unter denen namentlich sich die Eisenbahnarbeiter auszeichneten, mit schweren Instrumenten gegen die Thüre schlugen die Fenster einwarfen und erstere mit Gewalt zu sprengen suchten.

In diesem Augenblicke erschien – in der That wie ein rettender Engel für die Stadt! – die 2te Compagnie der 7ten Jägerabtheilung auf ihrem Durchmarsch nach Lennep mit scharfgeladenem Gewehr und gefälltem Bajonett vor dem Elberfelder Rathhause und trieb die völlig überraschte Menge nach allen Seiten auseinander.

Da man inzwischen mit der Demolirung des van der Beekschen Hauses wieder begonnen, so glaubte ich alle Maßregeln treffen zu müssen, um die durchziehenden Jäger die Nacht über in Elberfeld zu halten, wenn nicht der Pöbel seine Zerstörungswuth immer weiter ausdehnen sollte. Ich nahm daher dem Compagnieführer gegenüber die ganze Verantwortlichkeit auf mich und schickte sofort an den General Chlebus eine Estafette mit den nöthigen Mitteilungen.

Die Nacht über wurde ein Zug der Jäger mit einem Offizier zur Bewachung und Beschützung in das van der Beeksche Haus gelegt, der andere Zug bewachte das Rathhaus.

So ist es gelungen von 12 Uhr ab die Ruhe der Stadt aufrecht zu erhalten, und sind nur mehrere bedeutende, selbst lebensgefährliche Verwundungen zu beklagen. Die Haupträdelsführer sind noch in der Nacht verhaftet worden und heute den Gerichten überwiesen.

Im Laufe des Tages ist an Militär angekommen:

1, eine Escadron Ulanen
2, eine Compagnie Jäger
3, zwei Compagnieen des 2ten Bataillions des 17ten Infanterie-Regiments
4, drei Compagnieen des in Schwelm und Hagen stationirten 1ten Infanterie-Regiments

Die Stadt ist hiernach hinreichend beschützt und hoffe ich, daß der heutige Abend ruhig vorüber gehen wird.

Einen Aufruf an die Bürgerschaft von mir und dem Oberbürgermeister und einen desgleichen vom hiesigen Gemeinderath beehre ich mich ganz gehorsamst beizufügen.

Siehe auch: Hermann Joseph Aloys Körner: Der dunkle Drang des Volkes

An die Einwohner der mit der Preußischen Monarchie vereinigten Rheinländer

StA W, B I 23
Entnommen aus: Tania Ünlüdag, Historische Texte aus dem Wupperthale. Quellen zur Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, Wuppertal 1989.

5.4.1815

Als ich dem einmüthigen Beschluß der zum Kongreß versammelten Mächte, durch welchen ein großer Theil der deutschen Provinzen des linken Rhein-Ufers Meinen Staaten einverleibt wird, Meine Zustimmung gab, ließ Ich die gefahrvolle Lage dieser Grenz-Lande des deutschen Reichs, und die schwere Pflicht ihrer Vertheidigung nicht unerwogen. Aber die höhere Rücksicht auf das gesammte deutsche Vaterland entschied Meinen Entschluß. Dieses deutschen Urländer müßen mit Deutschland vereinigt bleiben; sie können nicht einem anderen Reich angehören, dem sie durch Sprache, durch Sitten, durch Gewohnheiten, durch Gesetze fremd sind. Sie sind die Vormauer der Freiheit und Unabhängigkeit Deutschlands; und Preußen, dessen Selbstständigkeit seit ihrem Verluste hart bestrebt war, hat eben so sehr die Pflicht, als den ehrenvollen Anspruch erworben, sie zu beschützen und für sie zu wachen. Dieses erwog Ich, und auch, daß ich Meinen Völkerneun treues, männliches deutsches Volk verbrüdere., welches alle Gefahren freudig mit ihnen theilen wird., um seine Freiheit, so wie sie und mit ihnen, in entscheidenden Tagen zu behaupten. So habe ich denn, im Vertrauen auf Gott und auf die Treue und Mut meines Volkes, diese Rheinländer in Besitz genommen, und mit der preußischen Krone vereinigt.

Und so, Ihr Einwohner dieser Länder, trete ich jetzt mit Vertrauen unter Euch, gebe Euch Eurem deutschem Vaterlande, einem alten deutschen Fürstenstamme wieder und nenne Euch P r e u ß e n !
Kommt Mir mit redlicher, treuer und beharrlicher Anhänglichkeit entgegen.

Ihr werdet gerechten und milden Gesetzen gehorchen. Eure Religion, das Heiligste, was dem Menschen angehört, werde Ich ehren und schützen. Ihre Diener werde Ich auch in ihrer äußeren Lage zu verbessern suchen, damit die die Würde ihres Amts behaupten.

Ich werde die Anstalten des öffentlichen Unterrichts für Eure Kinder herstellen, die unter den Bedrückungen der vorigen Regierung so sehr vernachlässigt wurden. Ich werde einen bischöflichen Sitz, eine Universität und Bildungs-Anstalten für Eure Geistlichen und Lehrer unter Euch errichten.

Ich weiß, welche Opfer und Anstrengungen der fortgedauerte Kriegs-Zustand Euch gekostet. Die Verhältnisse der Zeit gestatten nicht, sie noch mehr zu mildern, als geschehen ist; aber Ihr müßet es nicht vergessen, daß der größte Theil dieser Lasten noch aus der früheren Verbindung mit Frankreich hervorging, daß die Loßreißung von Frankreich nicht ohne die unvermeidlichen Beschwerden und Unfälle des Krieges erfolgen konnte, und daß sie notwendig war, wenn Ihr Euch und Eure Kinder in Sprache, Sitten und Gesinnungen deutsch erhalten wolltet.

Ich werde durch eine regelmäßige Verwaltung des Landes den Gewerbefleiß Eurer Städte und Eurer Dörfer erhalten und beleben. Die veränderten Verhältnisse werden einem Theil Eurer Fabrikate den bisherigen Absatz entziehen; Ich werde, wenn der Friede vollkommen hergestellt seyn wird, neue Quellen für ihn zu eröffnen bemüht seyn. Ich werde Euch nicht durch die öffentlichen Abgaben bedrücken. Die Steuern sollen mit Eurer Zuziehung regulirt und festgestellt werden, nach einem allgemeinen, auch für Meine übrigen Staaten zu entwerfenden Plan.

Die Militair-Verfassung wird, wie in Meiner ganzen Monarchie, nur auf die Vertheidigung des Vaterlandes gerichtet seyn, und durch die Organisation einer angemessenen Landwehr werde Ich in Friedenszeiten dem Lande die Kosten der Unterhaltung eines größeren stehenden Heeres ersparen. Im Kriege muß zu den Waffen greifen, wer sie zu tragen fähig ist.

Ich darf Euch hiezu nicht aufrufen. Jeder von Euch kennt sein Pflicht für das Vaterland und für die Ehre.

Der Krieg droht Euren Grenzen. Um ihn zu entfernen, werde Ich allerdings augenblickliche Anstrengungen von Euch fordern. Ich werde einen Theil Meines stehenden Heeres aus Eurer Mitte wählen, die Landwehr aufbieten, und den Landsturm einrichten lassen, wenn die Nähe der Gefahr es erfordern sollte.
Aber gemeinschaftlich mit Meinem tapferen Heer, mit Meinen anderen Völkern vereinigt, werdet Ihr den Feind Eures Vaterlandes besiegen, und Theil nehmen an dem Ruhm, die Freiheit und Unabhängigkeit des deutschen Reichs auf lange Jahrhunderte dauernd gegründet zu haben.
Wien, den 5. April 1815

Friedrich Wilhelm

Anonymer Elberfelder Bericht über den „Knüppelrussenaufstand“

StA Wuppertal, S XI 12
Entnommen aus: Tania Ünlüdag, Historische Texte aus dem Wupperthale. Quellen zur Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, Wuppertal 1989.

31.01.1813

Nach drei unruhigen und gefahrvollen Tagen, erlaubt es mir die gestern Abend eingetretene Ruhe, Ihnen Herr Prokureur die seltsame mit mancherlei Verbrechen verpaarten Auftritte anzuzeigen, welche in dieser Zeit stattgehabt haben.

Schon einige Tage vorher langte die Nachricht über verschiedene Widersezlichkeiten, welche gelegenheitlich der Konscription in den umliegenden Orten statt gehabt hatten, hier ein; doch da die Konscription in hiesiger Stadt ruhig vorbei gegangen war, kein böser Geist unter dem hiesigen Volk sich hatte blicken lassen, so vermuthete niemand einen Auftritt der Art in hiesiger Stadt, noch viel weniger, daß es auswärtigen Horden einfallen würde, den hiesigen sehr friedlichen Kanton mit einem Ueberfall heimzusuchen, daher der Abgang jeder Vertheidigungs Anstalt.

Vorigen Donnerstag den 28ten dieses verbreitete sich erst das Gerücht, es seyen Insurgenten im Abzug, doch diesen Namen verdient eine zusammen gelaufene Bande von wahrem Lumpengesindel nicht, welche ohne Zweck und Plan ohne eigentlichen Anführer durch die Ortschaften zog; wircklich rückte gegen Mittag diese Bande von der Kronenberger Chausee her, auf die Stadt an, vor dem Eingang derselben hielten sie sich etwa eine Viertelstunde auf, um wie selbe sagten, ihr sämtliches Volck an sich zu ziehen, bei deren Vortrag ich daselbst mehrere Kronenberger und Sohlinger Gesichter erkannte, und erhielt auf meine Anrede, in welcher Absicht sie hierhin gekommen seyen, die Antwort, sie wolten niemand etwas zu Leide thun, sie giengen nach Werden um die Tabacksgefangene Los zu machen, und nach Eßen, um sich Gewehr zu verschaffen, von der Stadt verlangten sie nur Beköstigung für heute und eine Unterstüzung für Waffen.

Die erschrockene Bürgerschaft, welche ungefähr 500 mehr oder weniger bewafnete Unruhestifter [vor sich] sah, und deren noch weit mehrere [nach Angabe 1500] erwartet würde im ersten Schrecken alles zugestanden haben, wenn nicht die Vorgesezte der Stadt die Anforderung der Waffen mit Ernst zurück gewiesenhätten. Der Zug gieng nun auf das Rathhauß, woselbst ein eingefangener Vagabund befreiet wurde, eine Tabacks Debitantin hatte man beim Anmarsch entlassen und einen dritten Arrestat Ließen die Rebellen auf die Vorstellung, daß er ein Dieb sey, in Verhaft. Im Rathhaußsaal erschiene nun ein mit Pistolen einer Büchse und Säbel bewafneter Mensch, welcher sich als den Kommandanten zugleich als einen höchst einfältigen Menschen darstellte, und vorläufig die Bequartirung seiner Mannschaft, in der Zahl etwa 500 verlangte, welche unter der bedingung statt hatte, daß der Trupp Tags nach her ausziehen solle. Dieser Anführer heißt Hammerschmitt genannt Schottländer. Nach einigen Stunden der Ruhe, während die Unruhstifter mit Essen beschäftiget wurden, fing der Tumult in den Gassen mit Schiessen Schreyen p.p. von neuem an, sodann plünderten die Rebellen in Läden der Tabacks Debitanten den vorhandenen Taback, zerschlugen die Schilder p. wahrscheinlich würde bei dieser Gelegenheit noch mehr geraubt worden seyn, wenn nicht durch das Ansehen und die Vorstellungen der überall hinzu eilenden Magistrats Personen, und sonstige Honorationen, wenigstens den gröbsten Exzessen Einhalt geschehen wäre. – Einzelne Trupps machten noch sonstige Anforderungen in Privathäusern, Ließen sich jedoch mit Kleinigkeiten abspeisen, überhaupt hatte keine Plünderung oder besondere Konkusion statt. Gegen Abend versammelte sich ein Rotte vor dem Hause des Herrn Maire Bredt und forderte mit Ungestümm die Stadtfahne welche aber standhaft verweigert wurde:

Die Nacht verstrich nach den Umständen ziemlich ruhig, andern Morgens verlangte man der bedingung gemäß, den Abzug der Trupp, wozu der Kommandant zwar ziemlich, keineswegs aber der Trupp willig waren. – Die Ruhestöhrer versammelten sich auf dem Marckt und Ließen nun Gewehre, Pulver, blei verlangen. Auf dem Gemeindehauße machte nun ein gewisser Deverennes Wirth aus Wald den Sprecher und Oberkommandanten, dieser forderte hartnäckig die Conscriptions Listen, Geld und Waffen. Standhaft wurden diese Anforderungen von der Mairie verweigert, doch soll der Deverennes von einigen reichen Privatpersonen, die nicht mehr als ein Blutvergießen fürchteten, wozu die Bürgerschaft jezt immer geneigter wurde, 200 Reichstaler erhalten haben, um seinen Abzug zu bewürcken, ehe dieser aber erfolgte, zog der Trupp vor das Hauß des Maire und drohte dieses zu stürmen, wenn nicht augenblicklich die Gewehr Pulver und Blei beigeschaft würden. Hier zeichneten durch Tumult und Drohungen sich aus ein gewesener Marcktgehülfe Namens Wachholder aus EIberfeld, welcher unter andern rief:

Wir verlangen keine Gewehr aus Barmherzigkeit, wir wollen sie mit Gewalt han! –

sodan ein Bursch von hier Namens Marten, welcher die Irup an das Hauß des Herrn Mair führte, und sich erbote die Häußer derjenigen zu zeigen, welche Gewehr hätten. Dieser Bursche war derjenige, welcher die fast zum Abzug disponirte Trupp vor das Hauß des Herrn Maire führte, um Gewehr und Munition zu verlangen.

Der Herr Maire bestande auf der Verweigerung, und viele gut gesinnte Bürger erbo ten ihren Beistand. – Aus Schrecken brachten jedoch einige Privatpersonen zwölf alte Gewehr zusammen, welche mit Konivenz des Maire den Rebellen gegeben wurden, doch hatte man die Vorsicht, vorab an jedem etwas zu verderben, so daß dasselbe für den Augenblick nur als Prügel dienen konnte.

Dieser Trupp zog endlich ab. mehrere Trupps von Remscheid, Lennep, Lüttringhausen, Hückeswagen, Schwelm durchkreuzten mittlerweil mit Fahnen und Musick die Stadt; man kann die Anzahl sämtlicher Rebellen, welche den 29ten Mittags in der Stadt waren auf 1200 bestimmen, wovon jedoch der größte Theil keine oder schlechte Waffen führte, auch ohne besondere andere Anforderung als zu Essen, am Nachmittag abzog. Dieser Augenblick wurde benuzt, einige Deputirte an das Ministerium zu senden, um den Verhalt des Vorgangs darzustellen, und einige Kavaleristen zur Unterstüzung der Bürgerschaft zu erbitten. –

In der darauf folgenden Nacht hatte sich die Bürgerschaft aber auch versammelt, und zur Gegenwehr vereinigt. – Auch hatte man schon die Versicherung erhalten, daß ein Trupp Kavallerie zur Mittagszeit einrücken würde.

Andern Morgens erhielte der Herr Maire von den nun in Barmen versammelten Rebellen eine schriftliche Anforderung der Conscriptions Listen, weil nun diese nicht gegeben wurden, so rückte ein Haufe von 500 bis 600 Mann wieder ein, besezte den Marckt und das Rathhauß, und forderte mit großerm Ungestüm wie jemals unter Drohungen die Conscriptions Listen, Pulver Blei und Gewehre. Mit Verweigerungen und Versprechungen wurden die Rebellen aufgehalten, bis gegen Mittag 50 Kavalleristen plözlich einrückten, und den Haufen unversehens überfiel, die Bürgerschaft nahm nun auch thätigen Antheil am Gefecht, daher bedurfte es nur einer Viertelstunde, um die ganze Horde auseinanderzutreiben, welche über den unerwarteten Anfall erschreckt, nur wenig Widerstand Leistete, hierbei wurden 42 gefangen, worunter der vorerwähnte Märten, Leider aber keiner der beiden Haupt Rädelsführer ist, die sich durch schnelle Flucht retteten, jedoch wohl nicht lange verborgen bleiben können.

Hiermit hatte diese Rebellion ein Ende, welche mehr eine Räuberei, als politische Umwälzung zu intendiren schien. Geld und sonstige Anforderungen sind in mehreren Privathäußern gemacht worden, die mir zum Theil noch nicht bekannt, doch sind selbe mehrentheils durch Vorstellung oder Drohung abgewiesen worden, der Haufen schien seine Forderungen zur Zeit nicht übertreiben zu wollen, um den Widerstand nicht zu reitzen, doch bedurfte es der Abhülfe, indem sich sonst zwar keine Insurgenten Armee doch eine vollkommene und furchtbare Räuberbande organisirt haben würde.

Von Elberfeldern haben so viel bisher [bekannt] geworden, nur fünf Burschen an dem Tumult Theil genommen, von welchen Merten, Bens[] und Vogelsang, Lezterer schwer verwundet, [eingefan]gen worden sind, Wachholder aber ohne [Zweifel] eingefangen werden wird.

Da zur Zeit kein spezielles Gericht [der] Vorgänge wegen organisirt, so mache ich [Ihnen] hiervon zur kriminellen Verfolgung der [] mit dem Bemercken Bekannt, daß [die] Eingefangene unmittelbar nach Düßeldorff [] Transportirt worden sind, zugleich [] ich Ihnen das Signalement der Beiden [] Hammerschmitt und Deverennes,und Bitte [um Ver]sicherung meiner ganz besondern |]

[Bericht bricht hier ab]

Entnommen aus: Rheinische Post vom 13. November 1954.

Wuppertal, Stadt der vielen Gesichter

Die neue „City“ in Elberfeld / Barmer Ressentiments / Ausgleichende Kommunalpolitik

Wuppertal. Die bald wieder 400 000 Einwohner zählende Großstadt im Tal der schwarzen Wupper, die heute wie früher Magd der fleißigen Färbereien und Textilfabriken ist, bleibt eine Stadt mit vielen Gesichtern. In ihr lebt eine rührige Industrie, die ob ihrer Vielgestaltigkeit bewundernswert krisenfest ist, in ihr ist aber auch noch der fast puritanisch anmutende Geist des Protestantismus vorhanden, neben dem heute eine lebendige katholische Diasporagemeinde existiert, in ihr herrscht eine kulturelle Aufgeschlossenheit, die vornehmlich die Städtischen Bühnen unter dem in Wuppertal gebürtigen Generalintendanten Helmut Henrichs zu einem vielbeachteten westdeutschen Theater gemacht hat.

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1958 schrieb der bekannte Kunstsammler und Kritiker Albert Schulze Vellinghausen ein Essay über Wuppertal, das am 25. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde. „In Wuppertal schwebt man“, so lautet die Schlagzeile, sie war einem Plakat des Verkehrsamtes (für den Tourismus zuständig) entlehnt. Durch die Schwebebahn erhalte die strenge Stadt etwas von einem „Vergnügungsetablissement“.

„Zugereiste behaupten, kaum eine Bevölkerung in Deutschland stände so mit beiden Beinen auf dem unvermeidlichen Boden der Realität. Die Realität ist hier ein ungemein erfindungsreicher Gewerbefleiß. Das Branchen-Adreßbuch führt 831 Arten Gewerbe und Tätigkeiten auf. Zumeist handel es sich um klug getüftelte Spezialisierungen der Textilfabrikationen, der Kleinmetallindustrie und der Herstellung von Farben und Lacken. Gleichwohl läßt sich – soweit man 400 000 Köpfe auf einen Nenner bringen darf – die Behauptung wagen, sie seien vom Grund ihres Herzens bereit „zu schweben““.

Es folgt eine kurze Beschreibung der Geschichte, beginnend mit der Garnbleiche und des ersten Aufflackerns des Protestantismus. Als dann der Calvinismus einzog, „beflügelte der feste Glaube an die Prädestination den Elan des Erwerbssinnes, Arbeit und Gewerbe wurden Gebet. Wirtschaftlicher Erfolg wurde Gradmesser für tugendhaftes Verhalten.“ Mit den Webern habe dann der Pietismus Einzug gehalten; mit karitativer Selbstlosigkeit, aber auch Messianismus, Unduldsamkeit, Fanatismus. Daher habe Wuppertal dann den Spitznamen Muckertal erhalten. Immermann habe Wuppertal „infames Nest“ genannt,  Freiligrath gar „Sektenschlucht“. Aber dass man den Wuppertaler nachsage, sich auch heute noch in 200 Sekten aufzuspalten, sei ungehörig, nur 15% (50.000 Menschen) gehörten freikirchlichen, freireligiösen und freidenkerischen Gemeinden an. Dennoch gebe es natürlich gewisse Traktate wie „Licht über sieben Donnern“ oder „Uebernatürliche Verwesungswahrheiten“. Auch wenn die Zahl dieser Zusammenschlüsse nicht mehr als 40 betrage, müsse man doch zugeben, dass auch die Lehrmeinung innerhalb der „offiziellen“ Protestantischen Kirche (Unierte, Lutherische, Reformierte) je nach Stadtteil voneinander abweichen würde…
Doch weiter in der Geschichte:

„Das Wuppertal, die damals noch feindlichen Schwesterstädte Elberfeld und Barmen zusammengerechnet, hatte vor hundert Jahren gut 85 000 Einwohner.. Es war mithin damals größer als Leipzig, Stuttgart oder München; viel größer als die Städtchen des noch nicht erschlossenen Ruhrgebiets, schien es gar eine Zeitlang die rheinische Metropole Köln zu überflügeln. Wuppertal nahm die sozialen Probleme der Gründerzeit vorweg.“

 Es folgt die Beschreibung des Armensystems, schließlich widmet sich Schulze Vellinghausen den berühmten Wupppertalern. Friedrich Engels, Hans von Marées, Wilhelm Dörpfeld, Carl Duisberg, Ferdinand Sauerbruch, Ernst Bertram und Else Lasker-Schüler. Dann kommt er auf die Kunst zu sprechen.

„Daß die Kunst früher in Wuppertal eine mehr als „geduldete“ Rolle gespielt habe, läßt sich mit keinerlei Argument belegen. Ich erwähnte schon Immermanns Abscheu. Felix Mendelssohn fühlte sich kaum weniger unwohl. Goethe spricht von „beschränkten, häuslichen Zuständen“; sogar seinem pietistischen Freunde Jung-Stilling war die doktrinäre Enge zuwider. Die Musen hatten keinen Raum im Betsaal.“

Allmählich habe sich mit der Saturierung des Wohlstands aber auch etwas Kunstsinn in der Stadt verbreitet. 1900 habe man sogar im alten Rathaus ein Museum [heutiges von der Heydt-Museum] gegründet, dass in der Hinsicht ein Unikum bis heute darstelle, da der Museumssockel an Einzelhändler vermietet worden sei. Dass die musische Tradition in Wuppertal fehlte, sei nun in der Hinsicht positiv, dass man moderne, gegenwärtige Kunst gekauft und ausgestellt habe. (Möglichweise sei das calvinitische Veto gegen bildlich-religiöser Kunst der eigentliche Grund, da die moderne Kunst vornehmlich mit Mustern arbeite… „hier zählt das paradoxe Ergebnis, daß man im konservativsten Bürgertum erstaunlich avantgardistisch sammelt.“)

„Theater aber und bildende Kunst machen noch nicht das Leben aus, das man „kulturell“ zu nennen pflegt. Es gibt in Wuppertal —von bemerkenswert guten Schulen, von der Volkshochschule, der Textilingenieurschule und der durchaus bestrebten Kunstgewerbeschule abgesehen — eine Institution, die der Stadt den Namen eintrug: Universitätsstadt ohne Universität. Diese Institution ist eine Laienakademie, schlicht genannt „Der Bund“. Im ‚Untertitel: Gesellschaft für geistige Erneuerung, gegründet 1946. Diese Gesellschaft, finanziert von der Stadt und geleitet von H. J. Leep, umfaßt Arbeitskreise und Diskussionsabende, nicht anders als manche Volkshochschule; aber zeichnet sich aus durch ein besonderes Maß Intensität, der Thematik sowohl wie der Anforderungen.“

Und wie ist es mit der Musik? Wie das ganze Bergische Land sei auch Wuppertal eine Domäne der Gesangvereine, alleine in der Stadt gebe es über 150. Außerdem brächte das Land und die Stadt viele Tenöre hervor. Darüber habe die die Stadt noch ein weiteres Paradox: Der Oberbürgermeister sei gleichzeitig SPD-Funktionär und Kleinfabrikant, kenne also die Sorgen und Nöte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. [gemeint ist Hermann Herberts]

„Ein lebendiges Kompromiß: Fleiß und Eigensinn, Nonkonformismus, Weltflucht und Weltoffenheit, patriarchische Strenge verbunden mit tätigem Sinn für den Nächsten — diese Mischung hat sich nun, über mehr als eines Jahrhunderts Länge, durchaus realistisch bewährt und bewiesen.“

„Es wären noch manche Kuriosa zu nennen, von dem rechnenden Pferd des Juweliers Krall — dem „klugen Hans“, der zur Zeit unserer Väter die Weltöffentlichkeit faszinierte — bis zu der gewerblichen Findigkeit, mit der hier ein Fabrikherr Vermögen machte: Er exportierte Pulswärmer an den Kongo, für die kalten Nächte dort in den Tropen. Es ist Findigkeit, welche nach unserem Erachten dem Surrealismus zugehört.“

Dann ging Albert Schulze Vellinghausen der Platz auf dem Papier aus und er konnte nur noch einige Dinge anmerken, die er nicht mehr ausführen konnte. Zum Beispiel dies:

„Vieles hat sich in diesem Versuch einer kurzen Monographie der Stadt nicht einmal streifen lassen. […] Nicht die glückliche Fatalität, daß die Stadt, geographisch beengt zum Phänomen des „bebauten Grabens“, dem Schicksal entging, zum Wasserkopf und zur Millionenstadt anzuschwellen. Günstiges Geschick! denn so blieb der Stadtrand immer erreichbar. Es gibt im Westen kaum eine Industriestadt, deren Bewohner so rasch im Grünen sind — im hügelig freien Waldgelände des Bergischen Landes und seiner Höhen. Es beginnt unmittelbar am Rande der Talschlucht.“

Am 1. September 1910 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ folgender Text von Else Lasker-Schüler über die Jubiläumsstadt Elberfeld:

Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck

Von Else Lasker-Schüler

„Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es, god, dat es god, gäwt et wat tu erwen!“ Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich‘ bin ihr Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken mir zu, länge Rotschwarzweißarme, die mich umfangen wollen. Ich soll
überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei schärfe Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht —
wer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses aus der Friederizianischen Zeit? Es lebt noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und Doktorhäuslern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht, frech-gewordne Sklaven, die nach Belieben ein- und heraus lassen. Selbst viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt und der hat es wieder dem Sohn anvertraut und nun weiß es der Enkel, der wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; — immer träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, „ewwer en doller Gesell wors gewäsen“. Oft ließ ich‘ vor Angst die Bücher fallen oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule säumen, jedes Fenster zur Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld, weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. —
Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. „Wat wollt Öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von´neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussel fahren. „Lott es doot, Lott es doot‘, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf, das überzeugt das rohe, Gesindel.. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern- —
Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine´Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. „Wat wollt Öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussel fahren. „Lott es doot, Lott es doot‘, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf,ndas überzeugt das rohe, Gesindel.. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern- —

Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor „dreihundert“ Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zuguterletzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. „Die sinn ut Engeland bei Paris.“ — Nun hinein ins Köllner Hälnneskein! Gewaltsam zerre ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. „Sie werden noch gestochen werden wie Ihr Vater einmal.“ Durch seine Uhr ging;
die Spitze des Metzgermessers, Am anderen Morgen führten die jammernden Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er wußte, daß sie kommen würden und drei Gläser und eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et dar wackere Här Schüler verzeehen mödd … Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch und grün nach‘ der Seele des‘ Wuppertals.“

Räuber in Langerfeld

Die „Beilage zu Nr. 20 der Wöchentlichen Anzeigen für das Fürstentum Ratzeburg. (Schönberger Anzeigen.) Schönberg, den 9. März 1894.“ vermeldete an diesem Tag folgendes:

„In den „Höfen“ in der Nähe von Rittershausen auf Langfelder Gebiet befindet sich eine sehr geräumige Höhle. In derselben entdeckte kürzlich die Polizei 180 Stück Dynamitpatronen, mehrere Waffen, darunter vier scharfgeschliffene Säbel und eine Menge anderer jedenfalls gestohlener Gegenstände. Drei Personen im Alter von 24-30 Jahren, die darin ebenfalls angetroffen wurden, wurden verhaftet und ins Gefängniß nach Elberfeld eingeliefert.“

Quelle.

Rittershausen heißt heute Oberbarmen.

The Kaiser opens a novel railway

An dieser Stelle soll heute eine etwas in Vergessenheit geratene, sporadische Reihe in diesem Blog wieder auferstehen: das Zitieren von Texten über Wuppertal, die Einblick geben in die Geschichte dieser Stadt. Heute gibt es eine zufällig im Netz gefundene Kurzmeldung der New York Times vom 25.Oktober 1900:
„Kaiser opens an novel railwayNew Suspension Road Between Elber-
feld and Barmen DedicatedBerlin, Oct. 24 – Emperor William and
Empress Augusta Victoria to-day dedicat-
ed with elaborated ceremony the suspension
railway which runs belong the River Wipper
and connects Elberfeld and Barmen,
a high, ingenious structure. The Kaiser
made the initial ride over the line.
Subsequently his Majesty attended the
dedication of the Hall of Fame in Barmen.
Replying to an address by the Burgomas-
ter, the Emperor warmly acknowledged, on
behalf of the Empress and himself, the
cordial reception tendered him by the pe-
ople of the town.
„I am happy to say,“ he remarked, „that
my mother’s condition allows me to pay
this visit to Barmen, although the joyous
beating of my heart is still troubled by the
shadow that hangs over her. She request-
ed me to greet the city in her name.“
The Emperor and Empress are expected
to return to Berlin Friday.“
Quelle im Archiv der New York Times

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Als die Winter noch Winter waren…

… und Autos noch nicht so mobil waren:

„Gemäß §30 der Straßenpolizeiverordnung vom 16.Mai 1914 werden folgende Straßen zum Rodeln polizeilich freigegeben: 1. In der Birken: vom Vereinshaus nach der Beek; 2. Am Cleefkothen; 3.Ravensbergerstraße bis zur Einmündung der Hatzenbeckerstraße; 4. Am Freudenberg, von der Wirtschaft Ulmenräder bis am Forsthof; 5.Gelpeweg, vom Freudenberg bis Bergisch Nizza (Remscheiderstraße); 6.Grifflenberg, vom Husar bis zur Abzweigung des Weges nach Ostersiepen; 7. Hainstraße, vom „Am Pfaffenhaus“ bis zum Alten Hessen“; 8.Jung-Stilling-Weg, vom „Rigi Kulm“ bis Wirtschaft „Sainsche“; 9. In der Ossenbeck, vom „In den Stöcken“ bis Wäscherei  Kampermann; 10. Rennbaumerstraße bis zur Gelpe; 11. Ringstraße, von der Katernbergerstraße bis zur Varresbeck, sowie von der Varresbeck bis zur Möbeck; 12. In den Stöcken, Haus Eichhoff bis Haus Nr.11 (Wirtschaft Becker); Die zum Rodeln freigegebenen Strecken sind an ihren beiden Endpunkten durch Aufstellung von Tafeln „Zum Rodeln polizeilich freigegeben“ gekennzeichnet. Das Rodeln ist nur auf dem Fahrdamm und nur bis 11 Uhr abends erlaubt. Die Rodelbahnen dürfen von Schlittschuhläufern und Bobschlitten nicht befahren werden. Es ist nicht statthaft, daß Personen mit angeschnallten Schlittschuhen auf dem Rodelschlitten die Bahn befahren. Verboten ist ferner die Verkoppelung von zwei oder mehr Rodelschlitten bei der Talfahrt. Zuwiderhandlungen werden mit Geldstrafe von 1-30 Mk., im [Nichtbegleichungsfalle] der Geldstrafe mit Haft bis zu drei Tagen bestraft.“

Entnommen aus: Täglicher Anzeiger, Amtliche Zeitung der Stadt Elberfeld, Nr.299, 13.November 1919, Abend-Ausgabe.

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