1933

NationalsoziaLismus

Am 30. Januar übernehmen die Nationalsozialisten die Macht in Berlin und damit auch im Bergischen Land. Auf den Straßen herrscht, von der Polizei unterstützt, Terror.

Am 5. März und am 12. März fanden Neuwahlen für den Reichstag und den preußischen Landtag statt. In den Städten des Bergischen Landes waren die Kommunisten die stärksten Gegner der NSDAP, im Kreis Düsseldorf-Mettmann, Rheinisch-Bergischen Kreis und im Siegkreis gewann das Zentrum. Nur der Oberbergische Kreis votierte mehrheitlich für die Faschisten. 1 Dabei fanden die Wahlen schon unter dem Eindruck der Reichstagsbrandverordnung statt, die die Grundrechte außer Kraft setzten. Terror gegen Kommunisten, Sozialdemokraten und Gewerkschafter war an der Tagesordnung. In Schutzhaft genommen, wurden sie in Lagern und Gefängnissen brutal gefoltert und teilweise ermordet. 2

Anschließend übernahmen die Nationalsozialisten die Macht in den Kommunen, verboten Kommunisten, trieben die Sozialdemokraten durch Druck aus den Stadträten und drängten die Landräte und Oberbürgermeister durch fingierte Korruptionsvorwürfe aus den Ämtern. Unterstützt von der Polizei marschiert die SA am 31. Januar triumphal durch die Arbeiterviertel der Stadt. 3

Wuppertal

Unterstützt von der Polizei marschiert die SA am 31. Januar triumphal durch die Arbeiterviertel der Stadt. 4Am Tag zuvor hatte es eine Protestkundgebung gegen die Wahl Hitlers vor dem Barmer Rathaus gegeben. 5

Am 6. Februar wird der Wuppertaler Stadtrat – wie alle preußischen Kommunalparlamente – aufgelöst. 6

Am 10. März findet in Wuppertal ein „wilder“ Boykott jüdischer Geschäfte statt. Jüdische Geschäfte werden attackiert. Mehr als die Hälfte der Wuppertaler Jüdinnen und Juden werden bis 1938 auswandern. Ihr Anteil an der Stadtbevölkerung ist 1933 0,6 %. (2471 Personen) 7

Am 1. April findet gab es neben einem von der Partei Reichsweit geplanten Boykott in Elberfeld und Barmen Bücherverbrennungen, initiiert von Schülerinnen, Schülern und Lehrer der 16. Wuppertaler Gymnasien. 8

Am 2. Mai werden die Gebäude und Geschäftsstellen der Freien Gewerkschaften besetzt. Alle Gewerkschaften werden zur Deutschen Arbeitsfront zwangsvereinigt und gleichgeschaltet. Mitte Mai wird das bewegliche und unbewegliche Vermögen der Wuppertaler SPD und des Reichsbanners beschlagnahmt. 9

Anfang Juli wird die gesamte Spitze des Polizeipräsidiums Wuppertal ausgewechselt. Der Düsseldorfer SA-Brigadeführer Willi Veller übernimmt und richtet das KZ Kemna ein. 4600 sog. „Schutzhäftlinge“ werden dort bis Januar 1934 gequält, anschließend werden viele in sog. Moorlager ins Emsland verschleppt. 10 11

400 Kommunisten und andere politische Gegner werden verhaftet. 12

Der Krieg als Volksfest: Am 20. August 1933 wird im Stadion am Zoo ein Luftschutzübung durchgeführt. „Bombenflieger über #Wuppertal“, eine präzise Prognose. 13

1934

Seit 1934 offiziell das Wuppertaler Wappen. Quelle: Festschrift Wuppertal, Wuppertal 1969
Wuppertal

Am 29. Juni genehmigte das preußische Innenministerium das neue Stadtwappen. Es zeigt einen silbernen Schild mit rotem, doppeltgeschwänzten, blaugekrönten und blaubewehrten Bergischen Löwe, der auf dem Barmer Garnbündel steht und in den Vorderpranken das Rost des heiligen Laurentius trägt, dem Elberfelder Stadtheiligen. Gestaltet wurde es vom in Elberfeld geborenen Kunstmaler Wolfgang Pagenstecher. 14

Wuppertal-Barmen

Vom 29. bis zum 31. Mai findet in der Gemeinde Barmen-Gemarke eine Synode aus lutherischen, unierten und reformierten Kirchen statt, die einstimmig die „Barmer Theologische Erklärung“ verabschiedeten und die „Bekennende Kirche“ als Gegensatz zu den nationalsozialistischen „Deutschen Christen“ gründete.

1935

Wuppertal

Im Januar fliegen Gewerkschaftsgruppen im Widerstand auf. 1.200 Gewerkschafter werden ab dem 15. Januar 15 verhaftet, 700 in den „Wuppertaler Gewerkschaftsprozessen“ angeklagt und verurteilt. Nach der Haft im Gefängnis oder Zuchthaus folgte meistens das KZ. 16

1936

NationalsoziaLismus

Mit dem Einmarsch ins entmilitarisierte Rheinland betrieb die NSDAP die Aufrüstung offensiv. Hiervon profitierten auch die Rüstungsbetriebe im Bergischen Land in Düsseldorf (47 Betriebe), Wuppertal (44), Solingen (25), Remscheid (22) und in den Kreisen. Hauptsächlich wurden Halbfertigprodukte, Motoren und Motorteile für Panzer und andere Fahrzeuge, Artilleriegranaten und Munition. Die Rüstungspolitiksorgte im Bergischen Land für eine anhaltende wirtschaftliche Expansion im Bergischen Land. 17

Wuppertal

In den Jahren 1936 und 1937 wurden im städtischen Museum 56 zeitgenössische Gemälde und 355 graphische Werke und in der Sammlung des Barmer Kunstvereins 85 Werke als „entartete Kunst“ beschlagnahmt . Sie wurden verkauft oder gelten als verschollen. 18

In den Wuppertaler Gewerkschaftsprozessen werden hunderte Gewerkschafter zu langjährigen Haftstrafen und KZ-Haft verurteilt. Damit ist der kommunistische Widerstand zerschlagen.

„Große Stadt im engen Tal“, unter diesem Titel veröffentlichte die Ufa 1936  einen „Ufa Ton Kulturfilm“ über Wuppertal. Der 14 minütige Film zeigt Szenen aus dem Wuppertal und dem Bergischen Land der 1930er Jahre. Die Erstaufführung ist am 2. Februar.

https://youtu.be/_Oy3Al4PQik
Digitalisiert von Stefan Lohkamp von ML Historic Film – Danke!

1937

Wuppertal

Am 12. Oktober 1937 zieht der Stab der 1. Leichten Brigade unter dem späteren Kriegsverbrecher und Widerständler des 20. Juli, Generalmajor Erich Hoepner, in Wuppertal ein. Wuppertal wird im Vorfeld der Aufrüstung des Zweiten Weltkriegs Garnisionsstadt. 19

Wuppertal

Die neue Wupperstraße verbindet die Kohlfurth und Sonnborn. 20

Die Aktiengesellschaft des Zoologischen Garten löst sich auf. Der Zoo kommt in städtischen Besitz. 21

1938

NationalsoziaLismus

Am 28. Oktober werden 17.000 Juden und Jüdinnen mit polnischer Staatsangehörigkeit oder polnischer Herkunft, aber ohne polnischen Pass, vertrieben, werden von den Polen aber nicht aufgenommen. Darunter sind 200 Wuppertaler*innen. 22

Am 9. November finden überall im Bergischen Land antijüdische Pogrome mit mehreren Todesopfern statt.

Wuppertal

Beide Synagogen in Barmen und Elberfeld, jüdische Friedhöfe und Kapellen werden am 9./10. November zerstört. 70 jüdische Männer werden verhaftet und ins KZ Dachau verschleppt. 23

Die Synagoge in Barmen. Quelle: Wikimedia
Die Synagoge in Elberfeld an der Genügsamkeitsstr. Quelle: Kurt Schnöring Wuppertal 1929-1989, Horb am Neckar 1989

1939

NationalsoziaLismus

Am 1. September 1939 überfällt Deutschland Polen. 25 Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs löst Deutschland den zweiten aus. Das Bergische Land stellt Soldaten und produziert 8% der motorisierten Ausstattung der Wehrmacht. 24

Wuppertal

Das Polizeipräsidium wird am 19. September fertiggestellt. In der Nachkriegszeit dient es als „Neues Rathaus“, in seinem großen Saal findet noch später der Bialystock-Prozess statt. 25

Wuppertal

Am 30. April wird Juden und Jüdinnen das Wohnen in sog. „arischen Häusern“ verboten stattdessen werden sie in sog. „Judenhäusern“ ghettoisiert. In Elberfeld gibt es 11 und in Barmen 5 Judenhäuser.26

Am 15. Mai erhält Gerhard Domagk, Forscher bei Bayer, den Medizinnobelpreis für seine Arbeit gegen bakterielle Infektionen. Die Nationalsozialisten verbieten die Annahme, weil die Schweden 1935 Carl von Ossietzki den Friedensnobelpreis zu erkannt hatten. Den Preis kann Domagk erst 1947 entgegennehmen. 27

Laut einer Volkszählung vom 17. Mai leben in Wuppertal 1.093 Juden und Jüdinnen . 0,3 Prozent der Bevölkerung und 50% weniger als 1933. In Elberfeld leben 873, in Barmen 207, in Ronsdorf 7, in Vohwinkel 4, in Cronenberg und Beyenburg je 1.28

1941

NationalsoziaLismus

Die im Bergischen Land werden die nicht ausgewanderten oder getöteten Jüdinnen und Juden gezwungen ihre Wohnungen aufzugeben und in sogenannte „Judenhäuser“ zu ziehen. Ende 1941 werden sie nach Theresienstadt oder in die Ghettos und Vernichtungslager im von Deutschland besetzten Osteuropa deportiert und dort mehrheitlich ermordet. 29

Wuppertal

26. Oktober: 202 Jüdinnen werden von Wuppertal via Düsseldorf in das Ghetto Litzmannstadt (Lodz) deportiert. 30

11. November: 233 Wuppertaler Juden und Jüdinnen werden nach Minsk deportiert. 31

11. Dezember: Unter den 1007 Juden und Jüdinnen , die an diesem Tag aus Düsseldorf nach Riga deportiert werden, sind auch 22 Wuppertaler*innen. 32

1942

Wuppertal

22. April: 61 Wuppertaler Juden und Jüdinnen werden nach Izbica deportiert. 33

21. Juli: 248 Wuppertaler Juden und Jüdinnen werden nach Theresienstadt deportiert. 34

1943

Wuppertal

In der Nacht auf den 31. Mai 1943 fliegen etwa 700 britische Bomber über die Scheldemündung in das von Deutschland besetzte Europa ein. Sie fliegen Richtung Köln , biegen vor der Stadt aber ab. Noch 600 Flieger auf 30 Kilometer Breite nähern sich Barmen von Südwesten. Es beginnt ein einstündiges Bombardement der Südhöhen und des Barmer Zentrums, zu früh abgeworfenen Bomben treffen Ronsdorf. Die Kombination aus Brand-und Sprengbomben erzeugt einen Feuersturm, der kaum ein Gebäude verschont. Beim Angriff sterben 300 britische Flieger, 33 Flugzeuge werden abgeschossen, obwohl vorher fast alle Flugabwehrkanonen abgezogen worden waren. Am 18. Juni findet einer bombastische Trauerfeier in der Elberfelder Stadthalle statt, Propagandaminister Joseph Goebbels droht mit Vergeltung. 35

Wuppertal

In der Nacht auf den 25. Juni (Johannisnacht) erleidet Elberfeld das gleiche Schicksal. Der von Deutschland ausgelöste Krieg kehrt zurück. Im August hält ein geheimer Polizeibericht die Folgen fest: 6.000 Menschen starben, 3.000 wurden Verletzt. 7.000 Wohnhäuser waren zerstört, 4.500 schwer beschädigt, die Innenstädte nicht mehr existent. Die Rüstungsindustrie wird allerdings nicht schwer getroffen und „der Widerstandsgeist der Wuppertaler sei auch nicht nennenswert geschwächt.“, heißt es darin.36

In dieser Nacht wird auch der Ortskern von Cronenberg schwer getroffen, das Rathaus vernichtet. 37

1944

Wuppertal

Der Wuppertaler Widerstandskämpfer Bernhard Letterhaus wird am 14. November durch Erhängen im Gefängnis Berlin Plötzensee getötet. 38

1945

NationalsoziaLismus

Am 17. März überschreiten amerikanische Truppen den Rhein bei Remagen, am 23. März bei Wesel. Am 1. April vereinigen sich die Truppen bei Lippstadt und schließen das Bergische Land und das Ruhrgebiet ein. Es beginnt die Eroberung des Bergischen Landes bis zum 17. April 1945. In den letzten Wochen der nationalsozialistischen Herrschaft wütet der Terror ungehemmt gegen jeden, der den aussichtslosen Kampf nicht führen will. Dennoch stellen sich mutige Menschen gegen das entfesselte Regime und verhindern z. B. die Sprengung von Aggertalsperre und Müngstener Brücke. 39

Am 8. und 9. Mai kapituliert das faschistische Deutschland. Das Bergische Land wird befreit, auch wenn es die meisten Menschen nicht so empfinden.

Bundesrepublik

Nach der Eroberung des Bergischen Landes durch die Alliierten vom 6. bis zum 17. April endete der Zweite Weltkrieg und die Herrschaft des Nationalsozialismus. In den Städten des Bergischen Landes ist der Wohnraum stark zerstört in den ländlichen Regionen hingegen, wie im Oberbergischen Kreis, sind 86 % vollkommen unversehrt. In den Städten leben weniger Menschen, dafür im ländlichen Raum mehr. Im Oberbergischen Kreis lebten etwa zwei Drittel mehr als 1939. 40

Wuppertal

Vom 28. Mai bis zum 24. Juni waren die Lebensmittelrationen in Wuppertal durchschnittlich für 28 Tage: 400 Gramm Fleisch, 310 Gramm Fett, 4,5 Kilogramm Roggenbrot, 300 Gramm Erbsen, 125 Gramm Zucker und 125 Gramm Quark. 517 Kalorien täglich. 41

Wuppertal-Barmen

Am 17. August treffen sich in der Villa Halstenbach verschiedene christliche Politiker, um über eine Neubelebung der katholischen Zentrumspartei und die Gründung einer evangelischen Partei zu diskutieren. Unter ihnen sind Dr. Klaus Brauda, die späteren Abgeordneten Emil Marx (MdL), Otto Schmidt (MdL/MdB), der enger Freund und Berater des späteren Bundeskanzlers Konrad Adenauer, Robert Pferdmenges und der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann. Im Laufe des Besprechung reifte der Beschluss, statt einer Wiederbelebung alter Parteien eine neue „christliche Sammlungspartei“ zu gründen, die am 2. September in Köln gegründet Christlich-Demokratische Partei, CDP. Zusammen mit anderen Parteigründungen in der Bundesrepublik wurde daraus rasch die Christlich-Demokratische Union (CDU). 42

Wuppertal

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges entstanden in Wuppertal etwa 100 Zivilarbeiterlager, in denen über 20.000 Personen arbeiten mussten. 43

Im März werden 28 ausländische Zwangsarbeiter*innen im Burgholz von der Gestapo ermordet.

Am 13. April werden 71 politische Gefangene, auch aus Wuppertal, in der Wenzelnbergschlucht bei Langenfeld ermordet.

In den letzten Kriegsmonaten werden mindestens 10 junge, kriegsmüde Soldaten in Ronsdorf standrechtlich erschossen.

Am 15. April dringen amerikanische Truppen mit Panzern nach Ronsdorf vor und beschießen Wuppertal und die Nordhöhen. Männer beider Kirchen können die Wehrmacht zum Rückzug bewegen. Der NS-Oberbürgermeister Gebauer übergibt die Stadt nach einem Telefonat mit einem amerikanischen Nachrichtenoffizier dem 311. Infantry-Regiment der 78. Infantry-Division. Zuvor hatte er die Angestellten der Stadt aufgefordert, die Anweisungen der Amerikaner zu befolgen. Die Amerikaner verhängen zunächst eine Ausgangssperre. lediglich zwischen 8 und 9 Uhr und zwischen 16 und 17 Uhr darf die Wohnung verlassen werden. Weil die Karten veraltet sind, setzten die Amerikaner zunächst vier Bürgermeister ein: Für Elberfeld, Barmen, Cronenberg und Ronsdorf. Nach drei Wochen korrigieren sie die Ernennung. 44

In Wuppertal sind bei Kriegsende etwa ein Drittel der Häuser unbewohnbar. 45 6,5 Millionen Kubikmeter Schutt, Kriegsgerät, Wracks liegen herum. In den Ruinen leben 200.000 Menschen. Viele Einwohner*innen sind aufs Land geschickt und dürfen vorerst nicht zurückkehren. Trinkwasser, Gas, Elektrizität sind kaum vorhanden.

19.636 Wuppertaler Soldaten sind gefallen, 5952 wurden Opfer der Luftangriffe. 46

Am 14. Juni übergeben die US-Amerikaner die Stadt an die Briten.47

Nachdem die Verwaltung zunächst im Westflügel des Barmer Rathauses unterkommt, zieht die deutschen Beamten und die britischen Besatzer ins Polizeipräsidium, alias: Das neue Rathaus. 48