Schlagwort: Barmen

Die Social=Demokratie in Barmen

Bericht des Polizei-Inspektors Voigt nach Düsseldorf über „Die Social=Demokratie in Barmen”

HStAD Regierung Düsseldorf Präsidialbüro Nr. 866 Bl. 130 ff

Entnommen aus: Tania Ünlüdag, Historische Texte aus dem Wupperthale. Quellen zur Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, Wuppertal 1989.

15.12.1873 handschriftlich


Die social=demokratische Bewegung im Wupperthale war zu Lassalle’s Zeiten wohl die bedeutendste ihrer Art in Deutschland und von diesem Führer besonders hoch geschätzt. Auch unter v. Schweitzer’s Regimente behauptete sie noch immer einen ziemlichen Rang und erreichte, so zu sagen, ihren Höhepunkt durch die Wahl des Genannten als Reichstags=Abgeordneten. Nachdem aber Berlin und theilweise Hamburg-Altona mit ihren vielen Mitgliedern die Hauptrolle in der Partei spielten, ging hier das Interesse zur Sache verloren und erst in den beiden letzten Jahren ist es durch fortwährende Agitation gelungen, hier wieder eine nennenswerthe Mitgliedschaft zu errichten. Der Allgemeine Deutsche Arbeiter=Verein (Präsident Hasenclever) hat z.Z. in Barmen ca. 400 eingeschriebene, Beitrag zahlende Mitglieder und das Partei=Organ „Der Neue Social-Demokrat” ungefähr 200 Abonnenten. Diese Zahlen wären an und für sich nicht besorgnißerregend, bedenkt man aber, daß der größere Theil der hiesigen Arbeiter die Ansichten des genannten Vereins theilt und in allen wichtigeren Fragen der von diesem ausgegebenen Losung bereitwillig Folge leistet, so darf bei der festen Organisation und der guten Partei=Disciplin wohl behauptet werden: der Allg. Deutsche Arbeiter Verein resp. die Social=-Demokratie ist hier in Barmen eine Macht, mit der gerechnet werden muß, besonders bei der Zerfahrenheit und Lauheit der übrigen politischen Parteien hieselbst, sowohl der liberalen wie conservativen.

Unter solchen Verhältnissen kann das Resultat der nächsten Reichstagswahl beinahe sicher vorausgesagt werden: es wird der von der soc. dem. Partei aufgestellte Kandidat (Hasselmann?) gewählt werden. Die zu diesem Zwecke bereits begonnene Agitation wird äußerst lebhaft betrieben, den hiesigen Führern sind mehrere auswärtige Hauptredner als Verstärkung beigegeben und Partei= und Volks=Versammlungen finden fast täglich statt.

Die hiesigen Führer und Leiter der Partei sind
der Sattlergeselle Mann und
„Riemendreher Kuhl.
Die Vergangenheit dieser Leute ist, wie bei vielen hervorragenden Partei=Mitgliedern, durchaus nicht fleckenlos und haben beide bereits wiederholt mit dem Strafrichter Bekanntschaft gemacht.

Der Sattlergeselle Friedrich Mann, Bevollmächtigter des A.D.A.V. für Barmen, 37 Jahre, gebürtig aus dem Waldeckschen, gehört zum Verein seit der Entstehung im Jahre 1863 und ist ein enragirter [sic!] Lassallianer. Von kleiner, unansehnlicher Statur und ohne wissenschaftliche Bildung besitzt er doch eine gewisse Rednergabe und weiß namentlich seine Stellung als Vorsitzender bei den öffentlichen Versammlungen mit Energie und Geschick auszufüllen. Sein Gewerbe betreibt er nicht mehr, er bezieht sowohl aus der Vereins= wie aus der Orts=Kasse eine Remuneration, welche für seine Existenz ausreichend ist; die Familien=Verhältnisse scheinen zerrüttet zu sein, da er von Frau und Kind, die in Elberfeld leben, – getrennt wohnt. Bestraft ist Mann 1. vom Landgericht zu Elberfeld am 18. März 1864 wegen Verletzung der Ehrfurcht gegen des Königs Majestät mit 25 Reichtstalern Geldbuße eventl. 9 Tage Gefängniß (bestätigt in der Appell=Instanz);
2. von demselben Gericht am 27. September 1873 wegen Beleidigung des Bürgermeisters in Schwelm mit 15 Reichstalern Geldbuße oder 1 Woche Gefängniß;
3. von demselben Gericht am 26. November 1873 wegen Verletzung des § 131 des Strafgesetzbuches mit 14 Tagen Gefängniß.
Im September 1864 ist Mann wegen Verhöhnung der Anordnungen der Obrigkeit von hier ausgewiesen worden. –

Der Riemendreher Karl Julius Kuhl, 26 Jahre alt, gebürtig aus Wiehl, verheirathet, Vater von 2 Kindern, ist erst vor Kurzem von Langerfeld, Kreis Hagen, hierher verzogen, nimmt aber schon eine bedeutende Stellung in der Partei ein. Ein gewandter, kräftiger Redner, schlagfertig, mit einem guten Gedächtniß und nicht ohne allgemeine Bildung, ist er besonders bei Volks=Versammlungen von Nutzen, dar bei seiner genauen Bekanntschaft mit den Schriften Lassalle’s jedem Gegner gleich zu dienen weiß.

Bestraft ist er 1. durch Erkenntniß des Königlichen Zuchtpolizei=Gerichts zu Elberfeld vom 28. October 1869 wegen Verwundung mit 10 Reichstalern Geldbuße eventl. 4 Tage Gefängnis.
2. durch Erkenntniß desselben Gerichts vom 20. April 1872 wegen Ueberversicherung zu 775 Reichstalern Geldbuße, eventl. 6 Monate Gefängniß. Diese Strafe tilgt Kuhl z.Z. durch Ratenzahlungen. Außerdem soll er noch eine dritte Bestrafung in Elberfeld erlitten haben: worüber Recherchen angestellt sind.
Redner von weniger Bedeutung als die vorstehend erwähnten sind der Schuhmacher Johann Mühlhausen, (der Schöngeist des Vereins), der Fabrikarbeiter Frick und der Fabrikarbeiter Eckert.

Von auswärtigen Koryphäen treten hier auf:
der Präsident des gesammten Vereins Hasenclever; Tölcke – Iserlohn; Dreesbach – Düsseldorf; Klein – Elberfeld; Frick – Bremen; Winter – Altona und Hörig – Hamburg, über letzteren, den Kandidaten zur Reichstagswahl für Mettmann-Lennep und für Düsseldorf geben die anliegenden Notizen nähere Auskunft. Ferner bereist in letzter Zeit der Kandidat für den Wahlkreis Barmen-Elberfeld, Hasselmann, Redacteur des Partei=Organs, den Bezirk.

Die internationale Partei (Fraction Bebel-Liebknecht) ist hier nur schwach vertreten und hat bis jetzt öffentlich sich kaum gezeigt, das Parteiblatt „Volksstaat” zählt hier ca. 20 Abonnenten, als Kandidat für den Reichstag ist Dr. Johann Jacoby für den Wahlkreis aufgestellt.

Ortsbeschreibung von Barmen 1863

Entnommen aus: Wilhelm Langewiesche, Ortsbeschreibung von Barmen, in: Elberfeld und Barmen. Beschreibung und Geschichte dieser Doppelstadt des Wupperthals, nebst besonderer Darstellung ihrer Industrie, einem Ueberblick der Bergischen Landesgeschichte ec. herausgegeben von Wilhelm Langewiesche, Barmen 1863.
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Zur besseren Orientierung sind die Kopfzeilen des Textes als Zwischenüberschriften beibehalten worden.

1863


III. Ortsbeschreibung von Barmen

Die Oberbürgermeisterei Barmen enthält einen Flächenraum von 8517 Morgen 95 Ruthen und 23 Fuß, also ungefähr eine halbe Quadratmeile. Sie gränzt gegen Norden und Osten an mehrere Landgemeinden des Westphälischen Regierungsbezirks Arnsberg oder die ehemalige Grafschaft Mark, gegen Süden an die rheinprovinzlichen, bergischen Gemeinden Lüttringhausen und Ronsdorf, gegen Westen – wie wir schon gesehen haben – an die Stadt Elberfeld.

In unserm geschichtlichen Theile werden wir näher erfahren, daß Barmen als Gemeinde, resp. als Theil des Amtes Beyenburg etc., zwar immerhin schon eine mehr als 600jährige und noch dazu nicht uninteressante, als eigentlicher Ort aber erst eine circa anderthalbhundertjährige, als Stadt nur ungefähr hundertjährige Geschichte hat. Es ist also als Ort kaum von demselben Alter wie z. B. Petersburg. Und es steht dieser, durch Raschheit des Wachsthums in der europäischen Städtegeschichte so außerordentlich glänzenden russischen Hauptstadt an Größe und Pracht allerdings noch sehr bedeutend nach. Aber während Petersburg durch den Willen der Czaaren [sic!], durch die Macht und den Glanz eines Thrones, der fast über den sechsten Theil der gesammten bewohnten Erde gebeut, gewaltsam gehoben wurde, hob Barmen unter Gottes Segen sich selbst, durch die Thatkraft und den Gewerbfleiß seiner eingebornen und eingewanderten Bürger, durch ihren Unternehmungs- und Speculationsgeist und ihre geschickte Benutzung der jedesmal vorliegenden, gegebenen Verhältnisse. Nicht nur kein Fürst, auch keine über seine eignen Gränzen hinausreichende Behörde wohnte in seiner Mitte, außer daß einmal eine flüchtende Regierung bei ihm gewissermaßen Schutz suchte; auch von Alters her reiche und mächtige Patriziergeschlechter fehlten ihm, und welcher auswärtige Fürst hätte an und für sich irgend ein Interesse, irgend eine Veranlassung gehabt, gerade unsern Ort vorzugsweise zu begünstigen? Und doch hat es einen achtungswerthen Standpunkt erreicht, in allen Welttheilen sich einen Namen gemacht.

Jetzige Bedeutung im Vergleich mit früherer Zeit.

Um den Unterschied zwischen einem ehemaligen und dem jetzigen Barmen hervortreten zu lassen, bedarf es nur ein paar correspondirender Zahlenangaben der Statistik. Die Geschichte Barmens lehrt uns, daß unsere ganze Gemeinde z. B. im Jahre 1709 erst circa 2380 Seelen zählte; bei der neuesten Zahlung vom 3. Dezember 1861 ergab sich dagegen (nach schließlicher Berichtigung) eine Einwohnerzahl von 49,772! — Noch in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts betrug die Gesammtsumme aller Steuern von Barmen, also sowohl für den Staat als für die Gemeinde-Bedürfnisse, jährlich durchschnittlich etwa 5000 Rthlr. Bergisch = 4000 Thlr. Preußisch. Dagegen stellt sich für das laufende Jahr nach dem vertheilten Etat der Stadt schon allein die Summe der umzulegenden Gemeinde-Steuern, ohne die Staatssteuern und ungeachtet einer ebenso dankenswerthen als ungewohnten Ermäßigung, auf 129,438 Thlr. Preußisch! – Und dabei steht geschichtlich fest, daß unsere Vorfahren von damals nicht weniger, als jetzt wir, sich für überbürdet hielten; sind wir es auch wirklich etwas mehr: die große Summe kommt doch ein, muß also doch disponible sein, und die damalige kleinere beizubringen, hielt oft schwer genug. – Wie viel in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts an Waaren jährlich in Barmen produzirt und versandt wurden, wissen wir leider nicht einmal annähernd. Gegen das wenigstens annähernd nachzuweisende Jahresquantum unserer jetzigen Production würde aber jedenfalls das damalige fast gänzlich verschwinden; im Jahre 1860 z. B. wurden unsern beiden Bahnhöfen zur Absendung überliefert: 510,628 Centner, nebenbei gesagt 117,389 Centner mehr als durch den Elberfelder Bahnhof abgesandt wurden.

Stadtlänge. – Vertheilung der Einwohnerzahl.

Jene paar Tausend Menschen von 1709 wohnten in meist unansehnlichen Häusern, durch alle Theile der Gemeinde, also über den verhältnißmäßig großen Raum einer halben Quadratmeile zerstreut, so daß noch nirgend ein eigentlicher Ort vorhanden war, in dem man den Anfang einer künftigen Stadt irgendwie hätte ahnen können. Jetzt zieht sich mitten durch die zur Oberbürgermeisterei gewordenen Gemeinde in ihrer ganzen Längenrichtung von Osten nach Westen, meist der Wupper folgend, an manchen Stellen schon fast die ganze Breite der rechten Wupperseite des Thals und auch viel von der linken ausfüllend, ein schöner Stadtbezirk hindurch, fast 1 1/2 Stunde Gehens, 1450 Ruthen lang!

Die obengenannte Einwohnerzahl neuester Ermittelung vertheilt sich folgender Maßen:

1) nach den Geschlechtern: 25,771 männlich, 24,001 weiblich;
2) nach dem Lebensalter: 19,699 bis zu 16 Jahren, 27,834 von 16 bis 60 Jahren, 2239 über 60 Jahren;
3) nach den kirchlichen Gemeinden (dieß jedoch zum Theil nur nach bester Abschätzung, da eine amtliche genaue Ermittelung der betreffenden Zahlen nicht vorhanden war,): die evangelische Gemeinde Unterbarmen 15,616, die reformirte Gemeinde Gemarke 7306, die lutherische Gemeinde Wupperfeld 15,314, die lutherische Gemeinde Wichlinghausen 5000, die katholische Gemeinde 6261, die Gemeinden der Baptisten und Independenten, überhaupt die von der Landeskirche ausgesprochener Maßen sich getrennt haltenden evangelischen Dissidenten zusammen 225, Israeliten 50;
4) nach der Eintheilung der Oberbürgermeisterei: a) im Stadtbezirk 29,916, nämlich Stadttheil Unterbarmen 11,539, Stadttheil Mittelbarmen 11,091, Stadttheil Oberbarmen 7286, und b) im Randbezirk 19,856, und zwar nördlich des Stadtbezirks 10,938, südlich desselben 8918;

5) In Bezug auf Stand und Gewerbe finden sich unter andern: 240 Beamte, einschließlich der Geistlichen und Lehrer, 30 Kaufleute (und Fabrikanten) in Steuerklasse A. 1., 422 Kaufleute in Steuerklasse A. 2., 701 Krämer oder kleinere Kaufleute in Steuerklasse B., 18 Aerzte (wobei 1 Thier- und 1 Zahnarzt), 5 Apotheker, 194 Wirthe, 8 Müller, 25 Fuhrleute mit zusammen 88 Pferden, 1508 selbstständige Handwerker , worunter 147 Bäcker, 70 Metzger, 48 Bierbrauer, 135 Schlosser, 12 geprüfte Maurermeister, 256 Schreiner, 172 Schneider, 215 Schuster, 33 Drechsler, 76 Buchbinder u.s.w.

Häuserzahl. – Eintheilung des Stadtbezirks.

Seit der Zählung von 1858, also in blos 3 Jahren, hatte eine Vermehrung von 5091 Seelen stattgefunden. Der Zuwachs aber würde noch bedeutender sein, wenn diese Jahre für die Industrie vorzugsweise günstiger gewesen wären, was nicht der Fall ist. Daß in diesem Augenblicke die Gesammtzahl der Einwohner bereits über 50,000 sei, bezweifeln wir durchaus nicht.

Die Zahl der Häuser, jedoch ausschließlich der vielen bewohnten Hinterhäuser, war nach der neuesten Zählung 4638. An öffentlichen Gebäuden sind dabei 52, nämlich für Gottesdienste 7, für Gemeinde-Verwaltung und Ortspolizei 2, höhere Schulen 4, Elementarschulen 22, Missions-Anstalten 2, Armen-, Kranken- und Versorgungs-Anstalten 7, Postamt 1, Eisenbahnhöfe 2, Gesellschaftsgebäude 4, Turnanstalt 1. — Die Wohnhäuser, die bewohnten Hinterhäuser, als zu ihren Haupthäusern gehörig, auch hier nicht mitgezählt, betragen 2929, wovon 1771 zum Stadt- und 1158 zum Landbezirk gerechnet werden; die Fabrikgebäude, Mühlen, Privatmagazine etc. 492, Ställe, Scheunen und Schuppen 1165.

Der Stadtbezirk umfaßte ursprünglich nur die Gemarke (im mittleren Sinne), und hieß damals auch nicht Barmen, sondern Gemarke. Er dehnte sich aber immer weiter aus, nahm mittelst Bebauung der Zwischenräume auch früher separat gelegene und besonders benannte Oerter in sich auf und erwuchs so zur jetzigen Stadt Barmen (im engern Sinne). Wie schon oben erwähnt, wird er gegenwärtig in drei Haupttheile, in Unterbarmen, Mittelbarmen und Oberbarmen eingetheilt. Im weitern Sinne umfassen jedoch, diese Benennungen die entsprechenden Theile des Landbezirks mit, – welche großentheils ebenfalls schon ein recht belebtes Ansehen haben.

Mittel-, Ober- und Unterbarmen.

Nicht nur der älteste, sondern auch der breiteste und am dichtesten bevölkerte Stadttheil ist Mittelbarmen. In der Längenrichtung reicht derselbe von der Rathhauser Brücke und den Eingängen der Unter- und Oberdörner-Straßen bis nahe an die Pfalz, nämlich einschließlich der Schönenstraße und ausschließlich der Bredderstraße. Bis vor wenigen Jahren war jedoch der Ausbruck Mittelbarmen nicht üblich; was dazu gehört, nannte Gemarke, Werth, Scheuern u. s. w. und rechnete alles dies mit zu Oberbarmen. Dem entsprechend drückt man sich oft auch noch jetzt aus. Im Ganzen gehören zum Stadttheil Mittelbarmen nach der amtlichen Bestimmung:

1) der alte Markt, eigentlich nur aus einer breiten und mehreren damit verbundenen kleinen und engen Straßen (Finkscheidt, Mühlenstraße etc.) bestehend, 2) die Mittel-, 3) die reformirte Kirch-, 4) die Heubrucher-, 5) die Parlament-, 6) die Kuhler-, 7) die Steinkuhler, 8) die Schlipper, 9) die Wupper-, 10) die Schuchard-, 11) die Höhne-, 12) die Clefer-, 13) die Fischerthaler – Straße, 14) der Rathhausplatz oder Neumarkt, 15) die Werther, 16) die Linden, 17) die Concordien, 18) die Wertherhof-, 19) die Neustadt-, 20) die Carls-, 21) die Kleine Werth-, 22) die Kohlgarten-, 23) die Rauhen-Werth-, 24) die Schönen-, 25) die Bach-, 26) die Westkotter-, 27) die Beckmannshof-, 28) die Mühlenweg-Straße.

Der Stadttheil Oberbarmen umschließt die früheren Orte Wupperfeld und Rittershausen, sammt den im gewöhnlichen Leben auch besonders benannten Partieen „in der Bredde“, an der Pfalz“, „auf Wülfing“, „auf der Stennert“, „am Schützenhof“, „am Krühbusch“, „an der Kemna“, „auf der Klippe“ u. s. w.

Nach der gegenwärtigen Straßenbezeichnung besteht er aus der Bredder-, Berliner-, Stern-, Färber-, lutherischen Kirch-, Wilhelms-, Wupperfelder Markt-, Schiller-, Garn-, Wichlinghauser-, Höfer-, Rittershauser-, Rauenthaler-, Rauenthalerberg- und Klipper-Straße. Mehrere dieser Straßen gehören jedoch nur theilweise hierher, andern Theils noch zum Landbezirk, von dem sich auch noch andere, schon ziemlich städtisch aussehende Theile diesem Stadttheil unmittelbar anschließen.

Der Stadttheil Unterbarmen endlich enthält die Straßen: 1) Neuenweg-,. 2) Bahnhof-, 3) Winkler-, 4) Post-, 5) Blumen-, 6) Spinn-, 7) Brucherschul-, 8) Brucher-, 9) Engels-, 10) Springer-, 11) Island-, 12) Unterdörner-, 13) Oberdörner-, 14) Dörnerbrücken-, 15) Schafbrücken-, 16) Hoch-, 17) Rödiger-, 18) Allee-, 19) Wasser-, 20) Gerbera, 21) Denkmals-, 22) Loher-, 23) Evangelische Kirch-, 24) Friedrich-Wilhelms-, 25) Brögeler-, 26) Gas-, 27) Farbmühlen-, 28) Kothener-, 29) Graben-, 30) Drucker-, 31) Lange-, 32) Auerschul- 33) Ronsdorfer-, 34) Garten-, 35) Wiesen-, 36) Auer-, 37) Haspeler-, 38) Haspelerschul- und 39) Bendahler – Straße, nebst noch einigen Häusern in der Korzert und am Loh. – 2-5 der genannten Straßen nennt man auch Keuchensfeld, 6-11 Bruch, 12—16 die Dörnen, das Uebrige im engern Sinne Unterbarmen, wiewohl man auch darin noch kleinere Theile wie „am Haspel“, „in der Aue“, „am Brögel“ u. s w. unterscheidet. – Der Stadttheil Unterbarmen ist zwar unter den drei Stadttheilen noch der am meisten unfertige, aber auch bei weitem der größte, nicht nur dem Raume nach, sondern auch schon jetzt hinsichtlich der Einwohnerzahl. Bei weiterem Ausbau wird sein Uebergewicht gar zu stark erscheinen, wenn man nicht seine östlicheren Theile zu Mittelbarmen schlagen wird. Ein großer Theil von Unterbarmen liegt dem Mittelpunkte Elberfelds und dem Elberfelder Bahnhof etc. näher als dem Mittelpunkte Barmens und dem Barmer Bahnhof etc., obgleich letzterer sogar noch auf Unterbarmer Boden steht.

Landbezirk. – Westkotten. – Wichlinghausen-Dickerstraße. .

Manche Barmer Stadtstraßen gehören nur zum Theil, nicht in ihrer ganzen Länge zum Stadtbezirk, so namentlich die nach Süden gehenden Querstraßen in der Regel nur bis an die Eisenbahn.

Der Landbezirk zerfällt in die Bezirke Aue, Bendahl, Springen, Lichtenplatz, Heydt, Heckinghausen, Wichlinghausen, Schwarzbach, Dickerstraße, Westkotten, Hatzfeld, Leimbach, Karnap, Loh und Westen.

Eine vorzugsweise Wichtigkeit im Landbezirk hat die, eine besondere kirchliche, lutherische Gemeinde bildende und auch räumlich unter sich schon ziemlich verbundene Partie „Westkotten-Wichlinghausen-Dickerstraße“, welche in einer Entfernung von 10— 15 Minuten ungefähr parallel mit der Hauptstraße der östlichen Hälfte des Stadtbezirks, auf dem nördlichen Gebirge und besonders in einer Schlucht desselben sich lang ausstreckt. Sie könnte allenfalls eine ziemliche Landstadt für sich vorstellen, zumal ihr mittlerer und stärkster Theil, Wichlinghausen, nicht nur Kirche, Schule, Apotheke und Marktplatz, sondern auch Neben- und Querstraßen hat und durch einen Bergrücken vom Barmer Stadtbezirk getrennt ist. Die Längenrichtung dieses gesammten Nebenorts, für den wir die Benennung Nord-Vorstadt in Vorschlag zu bringen uns erlauben, wird gegenwärtig als „West“-, „Ost“ und „Dickerstraße“ bezeichnet. Der östliche Endpunkt dieser Linie gränzt fast unmittelbar an eine kleine märkische-westphälische Häusergruppe, „am Beckacker“ genannt; und eigenthümlider Weise stößt der Anfangspunkt , Westkotten“, mittelst seiner ,,Märkischen Straße“, ebenfalls an’s Märkische. Mit dem Barmer Stadtbezirk aber ist diese Vorstadt ungeachtet vieler Terrain-Schwierigkeiten mannichfaltig verbunden, — auf Westkotten durch die halb schon zum Stadtbezirk gehörige Westkotter-Straße mit dem Mühlenweg und Werth, seitwärts durch die Leimbacher- mit der Kuhlerstraße, dem alten Markt etc., auf Wichlinghausen durch die gerade und noch ganz neue Bartholomäusstraße mit Bredde, Werth u., durch die Thal- und Wichlinghauser-Straße mit Schützenhof, Wülfing u., am Ende der Dickerstraße durch die Schwarzbacher-Straße mit Rittershausen, außerdem noch durch verschiedene Berg- und Feldwege mit andern Stellen. An allen diesen Verbindungswegen, die kleineren letzteren nicht ausgenommen, mehren sich vor und nach die Häuser, an den 5 Chausseen dergestalt, daß sie, wie schon jetzt jene Hauptstraßen der Vorstadt, muthmaßlich in einigen Jahrzehnten schon ziemlich städtisch aussehen werden. Große Bergräume zwischen diesen Wegen dürften dagegen ihren ländlichen Character nicht so bald, vielleicht nie verlieren, zumal es ihnen an Wasser fehlt.

Heckinghausen. – Clef. – Heckinghauser-Straße.

Auf der andern, südlichen Seite des Stadtbezirks, aber in geringerer Entfernung und durch keine Höhe von ihm getrennt, liegt Rittershausen gegenüber — im Landbezirk das Dorf Heckinghausen. Durch die parallel mit der städtischen Hauptstraße, am Abhange des südlichen Gebirges, dem Clef (lateinisch clivus, Hügel, allmählige Ansteigung), sich hinziehenden langen Heckinghauser-Straße verbindet sich Heckinghausen direct mit der Gemarke; ebenso durch die in dieselbe mündende Werlestraße und Schillerstraße mit dem Rittershauser Bahnhof und mit Wupperfeld. Für Heckinghausen und diese Verbindungsstraßen, überhaupt für alle südlich von der Eisenbahn gelegenen Häusergruppen, sofern sie mit Heckinghausen und unter einander ausreichenden baulichen Zusammenhang haben oder noch erlangen, möchten wir den Gesammtnamen „Süd-Vorstadt“ empfehlen. Späterhin, wenn Ausdehnung und Anbau das nöthig machen, mag sie in Südost- und Südwest-Vorstadt, wie auch die Nordseite von Barmen in Nordost- und Nordwest-Vorstadt getheilt werden.

Rauenthal. – Gränzverhältnisse.

An seiner nordöstlichen Seite hängt das Dorf Heckinghausen mittelst der Heckinghauser Brücke und der Beckmann’schen Chaussee, resp. den Rauenthaler Straßen, mit Rittershausen nahe zusammen. Merkwürdiger Weise gehört indeß diese Verbindung nur zum Theil zu Barmen, andern Theils zur Westphälischen Gemeinde Langerfeld, von welcher hier ein spitzer Vorsprung längs der Wupper in’s rheinpreußische, bergische, Barmer Gebiet wie eingeteilt ist. Und dieser Vorsprung der rothen Erde ist nicht etwa unbewohnt, vielmehr stehen namentlich zwei große, Barmer Häusern gehörende Fabrikgebäude darauf, von denen das eine ‚ganz schloß- und burgartig aussieht und in der That auch das (neuere) „Haus Rauenthal“ genannt wird, wiewohl es von seinem Anfange an nie eine industrielle Bestimmung gehabt und auch vorher hier nie ein adeliges Haus gestanden hat, sondern nur eine dem wirklichen adeligen Hause Rauenthal (ursprünglich Ruwendelle, dann Ruendahl) zugehörige Mühle. Letzteres aber stand da, wo jetzt das obere Caron’sche Haus steht, also etwas weiter südöstlich, ebenfalls auf westphälischem Boden, auf einem ziemlich bewohnten Raume, welcher zum Theil noch jetzt „im Rauenthal“, größtentheils aber „in der Oede“ genannt wird. Selbst auch diese Partie könnte ihrer Lage nach besser zu Barmen als zu Langerfeld gehören, vielmehr aber noch jener Einschnitt. An dieser Seite von Barmen find also die Gränzverhältnisse mindestens ebenso verwickelt, wie am Haspel. Und hier ist diese Verwickelung um so bedeutsamer, als in den märkisch-westphälischen Partieen das preußische Landrecht, in den rheinprovinzlichen der Code Napoleon herrscht, allerdings modifizirt und beschränkt durch eine gemeinsame neuere Gesetzgebung.

Ebenso unkenntlich sind innerhalb Barmens an vielen Stellen die Gränzen zwischen dem Stadt- und dem Landbezirk. Denn wie auch bisher der erstere immer mehr Theile des letzteren in sich aufnahm, so bilden auch noch jetzt fernere Theile des Landbezirks sich zur Fähigkeit heran, Aufnahme in den Stadtbezirk beanspruchen zu können. Besonders auffallend ist, daß von der nicht unbedeutenden Sternstraße, unmittelbar hinter der Wupperfelder Kirche, die nördliche Häuserreihe noch zum Landbezirk und zwar zum Bezirk Wichlinghausen gerechnet wird, obgleich diese Straße in ihrer ganzen Länge aufs engste mit dem Stadtbezirk verbunden und dagegen von Wichlinghausen durch einen fast unbewohnten breiten Bergrücken getrennt ist. So auch zählen die Sand-, Feld-, Bartholomäus- und Karnaper- Straße vollständig noch zum Landbezirk, obgleich sie großentheils schon städtisches Ansehen haben und mit dem Stadtbezirk zusammengebaut sind. Andererseits haben auch nicht ganz wenige, schon zum Stadtbezirk gehörende Straßen, besonders in Unterbarmen, noch kaum oder gar nicht angefangen, eine wirklich städtische Physiognomie anzunehmen.

Wachsthum von verschiedenen Mittelpunkten.

Der Umstand, daß Barmen nicht blos von einem Hauptmittelpunkt, sondern gleichzeitig auch von vielen andern Punkten aus sich vergrößerte, brachte es mit sich, daß lange Zeit hindurch die Vergrößerung weniger in die Augen fiel, mindestens einstweilen nicht dem Ansehen der eigentlichen Stadt zu Gute kam. Denn die Häuserpartieen, welche um jene anderen Punkte sich bildeten und zum Theil reichlich die Größe von Dörfern oder Flecken erlangten, erschienen natürlich als besondere Oerter, wiewohl sie von Anfang an mit dem Hauptorte zu einer und derselben Verwaltungseinheit gehörten. Im Grunde aber wurde und wird noch immer der Gesammtwachsthum dadurch wesentlich gefördert. Die abgesondert und doch sich so nahe gelegenen Oerter fühlten und fühlen das Bedürfniß, bei der Vergrößerung theils unter einander, theils und besonders dem Hauptort, sich möglichst zu nähern. Die Aussicht auf Vereinigung und die durch die Zwischenräume erwachsende reiche Auswahl von Baustellen, die von vorn herein nicht abgelegen sind und nothwendig immer gelegener werden müssen, spornte und spornt die Baulust. Und sobald der Raum zwischen einem Nebenorte und dem Hauptorte nun mit Häuserreihen besetzt war, erschien die Vergrößerung des letztern fast plötzlich um so bedeutender. – Wenn erst jene Verbindungsstraßen mit der erwähnten großen Nord – Vorstadt, ebenso die Heckinghauser-Straße und ihre Umgebungen, wie auch die Lücken und lockern Stellen in den Straßen Unterbarmens, ein städtisches Aussehen gewonnen haben, wird man erst recht über Vergrößerung und Größe Barmens, oder vielmehr der ganzen dann enggeschlossenen Wupper-Doppelstadt, staunen müssen.

Schwankende Nomenclatur.

Die geschilderte rasche und mannichfaltige Entwicklung, – wo immer Neues – entstand und immer Eines mit Anderm verschmolz, hatte auch die sehr natürliche Folge, daß eine große Unsicherheit in der Nomenclatur der Ortstheile Platz griff. Nur noch größer wurde dieselbe durch den Umstand, daß die Behörden, in der wohlgemeinten Absicht, mehr Ordnung in die Verhältnisse zu bringen, zu verschiedenen Zeiten neue amtliche Eintheilungen vornahmen und Benennungen wählten, bald nach den alten Höfen, bald nach Rotten oder Sectionen, bald nachden concentrirteren Hauptpartieen, bald nach der Lage in der Hauptrichtung, bald nach den Straßen. So erreichte die Barmer Sprachverwirrung im Volksverkehr zum Theil wirklich eine fast babylonische Höhe. Ein und dasselbe wurde von dem Einen so, von dem Andern anders benannt, das Benannte von dem Einen in dieser, von dem Andern in jener Begränzung verstanden. Es ließen sich eine Menge Beispiele hierzu anführen; wir beschränken uns aber auf wenige.

Unter „Gemarke“ begreift man im engsten und ursprünglichsten Sinne blos den jetzigen Alten Markt, im mittleren und gebräuchlichsten Nr. 1 — 11 (oder auch wohl bis 13) der […] aufgeführten Mittelbarmer Straßen und im weitesten das ganze oder fast ganze Mittelbarmen. Den Werth unterscheidet man also gewöhnlich, aber nicht immer von der Gemarke, und vom Werth oft auch wieder die Neustadt, den Kohlgarten etc.. Aehnlich ist es mit Scheuren und Mühlenweg. Wupperfeld versteht man bald ohne, bald mit den Partieen Wülfing, Bredde, Pfalz etc. Ja sogar in manchen Fällen, besonders in amtlichen Bezeichnungen, betrachtet man Wupperfeld als einen Theil von Wülfing, während gewöhnlich umgekehrt Wülfing nur als Theil von Wupperfeld gilt. Die Gränze zwischen Wupperfeld (im weitern Sinne) und Rittershausen denkt man sich bald am Schützenhof, bald an der Kemna; oft trennt man selbst auch diese noch von Rittershausen. Die Alleestraße nennt man sehr oft noch „Neuenweg“, die Heckinghauser Straße „Clefer Straße“, die Clefer Straße ,,Bollwerk“, die Sternstraße „Verlobungsstraße“ u. s. w.

Indeß würde diese ganze Verwirrung schwinden, sobald man sich lediglich an die jetzige amtliche Eintheilung und angeschlagene Straßen-Bezeichnung hielte.

Aber das müssen wir doch noch erwähnen, daß auch der Name Barmen selbst, wenigstens in seinem engern Begriffe, im gewöhnlichen Leben durchaus nicht feststeht. Es gibt z. B. in Unterbarmen noch Leute, welche meinen, nur Unterbarmen, auch wohl gar nur derjenige Theil von Unterbarmen, den sie gerade bewohnen, sei das eigentliche Barmen, Mittelbarmen dagegen dürfe von Rechtswegen nur Gemarke heißen u. Gemarke aber (im weitern Sinne) ist eben der Hauptkernpunkt der Stadt Barmen, und wird daher von sehr Vielen als das eigentlichste Barmen, als Barmen im engern Sinne, angesehen. 

Begriff und Entstehung des Namens Barmen.

So kommt es denn vor, daß zwei Leute, von denen der Eine aus Gemarke nach Unterbarmen, der Andere aus Unterbarmen nach Gemarke gehen will, beide sagen, sie wollten nach Barmen gehen, während sie beide schon in Barmen und zwar auch im eigentlichsten Barmen sind. Wieder andere denken sich die Gränze des eigentlichsten Barmen verschiedentlich weiter und doch auch noch nicht weit genug. Das allein Richtige ist, den ganzen Stadtbezirk, – wie er für jeßt amtlich bestimmt ist, und künftig in seiner etwaigen fernen Erweiterung, als Barmen oder Stadt Barmen im engern Sinne zu betrachten, während im weitern Sinne der Name Barmen unbestritten der gesammten Oberbürgermeisterei als ein historisches, durch sechs Jahrhunderte in Geltung gewesenes Recht gebührt. In letzterer Beziehung ist allerdings auch wahr, daß bis in die neueste Zeit hinein dieser Gesammtname, obgleich er bestand, wegen des lockern Zusammenhangs der Theile der Gemeinde, im gewöhnlichen Leben lange nicht so häufig, wie gewöhnlich ein Ortsname, zur Anwendung gekommen ist. Woher der Name Barmen ursprünglich entstanden, läßt sich mit Gewißheit nicht sagen. Ziemlich wahrscheinlich wurde er von den sogenannten „Barmen“, d. i. den im Freien überwinternden großen Heu- und Getreidehaufen, entlehnt, deren hier im Thale, als es nur eine ackerbautreibende, dünne Bevölkerung hatte, besonders viele zu sehen sein mochten. Daher mag es auch kommen, daß namentlich von Elberfelder Alten noch jetzt mitunter das Wort Barmen als eine Mehrzahl gebraucht wird, indem sie z. B. statt „nach Barmen“ sagen: „in die Barmen“.

Eine Hauptursache, weßhalb die gegenwärtige amtliche Eintheilung und Nomenclatur noch nicht vollständig und allseitig in’s Leben dringen konnte, ist die Post mit ihren Einrichtungen und ihrer Sprache. Bis vor Kurzem stempelten ihre Neben-Expeditionen die Briefe noch blos mit „Wupperfeld“, „Rittershausen“, „Unterbarmen“. Setzen sie jetzt auch das Wort „Barmen“ davor, so stimmt das doch immer noch nicht mit der städtischen Eintheilung in Unter-, Mittel- und Oberbarmen. Auch spricht die Post noch immer von Fahrten von Barmen nach Rittershausen, nach Wupperfeld, nach Unterbarmen, — was doch Fahrten innerhalb der eigentlichsten Stadt Barmen sind. Hätte jeder der drei Stadttheile eine und nur eine Expedition, und möglichst in seiner Mitte, so machte sich alles mehr von selbst. Aus gleichem Grunde müßte eigentlich auch die Eisenbahnstation Barmen – Rittershausen nicht so, sondern Station „Oberbarmen“ heißen, zumal sie ebenso gut für Wupperfeld, Heckinghausen, Clef etc. als für Rittershausen bestimmt ist.

Barmer Wupper. – Mühlengraben. – Brücken.

Alle drei Stadttheile Barmens werden von der Wupper bespült und belebt. Der obere sowohl als der mittlere liegt beinahe ganz auf ihrem rechten, der untere dagegen mit Ausnahme der Dörnen, der Korzert und der städtischen Häuser am Loh, auf ihrem linken Ufer. Beim Eintritt in Barmen ist der Fluß noch klar und rein. Die auf Barmer Grunde an ihr thätigen Fabriken, besonders die Färbereien, führen ihr eine solche Menge von Stoffen zu, daß beim Eintritt in Elberfeld ihr Wasser meist schon als eine schmutzig, dunkle, dicke Masse erscheint. In diesem Zustande wird denn die Wupper gewiß auch von dem eifersüchtigsten Barmer von ganzem Herzen der lieben Nachbarstadt gegönnt. Aber auch der Vorwurf der Elberfelder, daß Barmen ihnen fortwährend „das Wasser trübe“, wird beim Anblick der erwähnten Thatsache im eigentlichen Sinne nicht widerlegt werden können. Bei Heckinghausen theilt sich die Wupper in zwei Arme, die jedoch bald darauf wieder zusammenfließen. Die größte und wichtigste künstliche Ableitung aus der Wupper heißt der Mühlengraben; er beginnt an der Pfalz und mündet an der Korzert, nachdem auch er zu vielen gewerblichen Zwecken benutzt wurde.

Ungerechnet die Brücken über diesen Kanal, führen auf Barmer Gebiet bereits 12 Brücken über den Fluß selbst. Sie sind theils aus Steinen, theils aus Eisen, theils aus Holz erbaut, und zwar im Ganzen gut und schön. 8 von ihnen sind öffentliche Fahrbrücken: am Haspel, am Loh, an den Dörnen, am alten Markt, an der Wupperstraße[heute Rolingswerth, Anm. JNK], in der Schillerstraße [heute Brändströmstr, Anm. JNK], am Rittershauser Bahnhof [Oberbarmern Bf, Anm. JNK] und bei Heckinghausen. Dazu kommt auf Rittershausen die Brücke zum Eisenbahn-Uebergang. Unter den drei Fußbrücken ist eine beim Begehen schwankende von Draht, nämlich die an der Pfalz. Bereits macht sich an mehreren Stellen das Bedürfniß nach weiteren Brücken fühlbar, namentlich 1) an der sogenannten (ehemaligen) Knallhütte“, dem Zusammentreffen der Werther-, der Neustadt- [heute Höhne, Anm. JNK] und der Kohlgartenstraße [heute Kohlgarten, Anm. JNK]; 2) am Neuenweg [heute Teil der Engels-Allee, Anm. JNK], zwischen der Schafbrücken- und Poststraße [heute Ibachstr., Anm. JNK]; 3) am Vereinigungspunkte der Gas- und Wasserstraße, zur Verbindung mit den in der Korzert projectirten Straßen; 4) in Unterbarmen, an der Graben-, oder an der Farbmühlenstraße.

Barmer Gebirge. – Bergisch-Märkische Eisenbahn.

Wenn auch allerdings an manchen Stellen, besonders auf der südlichen Seite, das Barmer Gebirge als ein zu einförmiger oder zu regelmäßiger Rücken erscheint, so wird doch dieser Character, mehr oder minder, neben jedem Stadttheile durch Einschnitte, Schluchten, Seitenthäler gemildert, theilweise aufgehoben. Und an dem südöstlichen Endtheile der Gemeinde, um Rauenthal und Heckinghausen herum, zeigt es geradezu eine wirklich schöne, romantische Formation. Die höchste Spitze ist auf dem Lichtenplatz; sie erhebt sich 1086 Fuß über der Meeresfläche, während z. B. der alte Markt nur 470 Fuß über dem Spiegel der Nordsee liegt.

Die Bergisch-Märkische Eisenbahn überschreitet, von Schwelm kommend, in der Mitte Rittershausens, also bald nach ihrem Eintritt in’s Barmer Gebiet, fast gleichzeitig die durchgehende Hauptstraße und die Wupper; bald darauf hält der Zug an dem bescheiden gebauten, aber stark benutzten Bahnhof Barmen-Rittershausen. Von dem Uebergange bis hierher und noch eine gute Strecke weiter gewährt er freie und schöne Aussicht nach beiden Seiten. Dann geht er quer unter der Schiller-, später unter der Clefer- und der Fischerthaler-Straße her; dazwischen wird die Aussicht bald durch die Erdwände des Bahneinschnitts verdeckt, bald wieder geöffnet. Nun ist das ziemlich bedeutende Gebäude der Hauptstation Barmen erreicht. Von da weiter gehts, wieder abwechselnd durch, allmählig jedoch wohl größtentheils beseitigt werdende Erdwände und über freie Stellen, nach Elberfeld. Auf der ganzen Strecke von Rittershausen bis hier hat man den Stadtbezirk und die Wupper an der Nordseite, und werden daher die Reisenden wohlthun, ihren Blick hauptsächlich nach dieser zu richten. Aber auch die Südseite zwischendurch zu beachten, wo sie sich geöffnet zeigt, ist keineswegs unlohnend.

Barmens schönere Straßen.

Die Straßen Barmens haben wir zwar oben bereits namhaft gemacht, ohne jedoch etwas über sie zu sagen. Sie sind durchschnittlich breiter, gerader und regelmäßiger als die von Elberfeld. Besonders zeichnet sich unter ihnen Unterbarmens Alleestraße aus, welche selbst mancher Residenzstadt zur Zierde gereichen würde. Sie ist beinahe eine halbe Stunde (26 Minuten, ca. 1836 Schritte) lang, schnurgerade und ganz regelmäßig. Ihre ansehnliche, 60 Fuß betragende Breite besteht durchweg aus 5 Theilen: dem gepflasterten mittleren schließt sich nach jeder Seite ein ungepflasterter Fahrweg und diesem ein vortrefflicher, 942 Fuß breiter Fußweg an. Zwischen dem Fahr- und dem Fußwege auf jeder Seite zieht sich aber eine schöne Reihe von Linden hin, und in denselben Linien sind in etwas größeren Zwischenräumen die Gaslaternen aufgestellt. Daß die Häuserreihen dieser Straße bald an der einen, bald an der andern Seite, neben fast durchweg gefälligen und manchen schönen Gebäuden, zur Zeit noch kleine Lücken haben, welche Aussicht in Gärten und Wiesen, auf den Wupperfluß und in das zum großen Theile hier noch bewaldete Gebirge gewähren, bewirkt eine angenehme Mischung des ländlichen mit dem städtischen Charakter, was sich jedoch auch noch von manchen andern Stellen unseres Stadt- und Landbezirks rühmen läßt. Als in verschiedenen Beziehungen ebenfalls vortheilhaft sich auszeichnend, heben wir, außer den übrigen Theilen der durchgehenden Haupt-Verkehrsstraße, ferner hervor: die noch ganz neue Schillerstraße [Brändströmstr., Anm. JNK], mit dem von Eynern’schen Palais und Park und mit überhaupt nur schönen Gebäuden und namentlich an der Schillerbrücke mit freundlichster Sicht nach dem Clefer- und Rauenthal zu;; die Kleine Werth-, die Mühlenweg, die Unterdörner- und die Loher-Straße.

Am oberen Ende der genannten Brücke auf der Schillerstraße findet sich in westlicher Richtung der Anfang einer noch wohl namenlosen neuen Straße, die wenn sie bis in die, von der Heydterschul- und Heckinghauser-Straße nach der, an der sogenannten Knallhütte anzulegenden Wupperbrücke führenden Sehlhofer -Straße fortgeführt wird, auch recht schön zu werden verspricht; in diesem Falle möchten wir für sie den Namen Göthe-Straße vorschlagen, damit die Namen des großen Dichter-Freundepaares auch in Barmen eng verbunden erscheinen mögen. Die Schiller-Straße empfing diese Benennung offiziell am Tage der deutschen Schillerfeier.

Der durchgehende, die Stadt in ihrer ganzen Länge durchlaufende Hauptverkehrsweg ist zusammengesetzt aus 1) der Haspeler-, 2) der Allee-, 3) der Neuenweg-, 4) der Alten-Markt-, 5) der Mittel-, 6) der Werther-, 7) der Berliner- und 8) der Rittershauser-Straße. Hiervon bezeichnen die Straßen 1-3. die Länge von Unterbarmen, 4 – 6. die von Mittelbarmen, 7. und 8. die von Oberbarmen. Neben diesem Hauptwege führt noch ein anderer, ebenso kurzer, aber nicht durchweg gleich schöner und etwas weniger ebener Weg aus Oberbarmen nach Elberfeld; dieser wird gebildet aus der Bredder-, der Mühlenweg, der Parlament-, der Steinweg-, der Oberdörner-Straße und der Chaussee, welche von hier am Loh und Missionshause vorbei nach der Osterbaum- und Neuenteich-Straße in Elberfeld geht. Zwischen der letzterwähnten, größtentheils noch unbebauten Chaussee und der Alleestraße liegt ein Hauptrücken des theils zu Barmen, theils zu Elberfeld gehörigen Haardter Gebirges, über welches vom loh aus ebenfalls ein Weg, ein zwar schmaler und erst wenig cultivirter, aber bei gutem Wetter für Fußgänger sehr angenehmer, nach Elberfeld führt. Auf romantischen Umwegen kann man auch an und auf dem anderseitigen, dem südlichen Gebirge von Heckinghausen aus, wie aus jedem Stadttheil nach Elberfeld gelangen. Doch wir sind gegen unsere eigentliche Absicht, wieder in den Landbezirk gerathen, wie es denn auch weiterhin nicht immer möglich sein wird, Stadt und Land getrennt zu behandeln.

Straßenanschläge. – Hausnummern.

Die meisten Straßen des Barmer Stadtbezirks, wenigstens der größere Theil der Gesammtstraßenlänge desselben ist gepflastert, und zwar gut. Jede Straße hat ihre besondere Hausnummernfolge, in welcher die in den Häuserreihen noch möglichen künftigen Häuser schon im Voraus mit berücksichtigt sind; in der Hauptrichtung beginnen die Nummern jeder Straße an deren westlichem Anfangspunkt, in den Querstraßen aber an dem Hauptwege. In diesen ihren Richtungen hat man immer die geraden Zahlen rechts, die ungeraden links.

Der Name jeder Straße steht an ihrem Anfangs- und Endpunkte, so wie bei den Einmündungen oder Durchführungen anderer Straßen deutlich und zierlich angeschlagen. Darunter zeigt ein gemalter Pfeil oder Doppelpfeil die Richtung der Straße an, ob sie nach links, nach rechts oder nach beiden Seiten geht.

Die Zweckmäßigkeit dieser noch sehr neuen Einrichtungen liegt am Tage.

Mit den angeschlagenen, von uns oben bereits mitgetheilten Straßennamen selbst wollen wir nicht rechten. Die meisten derselben stimmen, was immer das Zweckmäßigste ist, mit den schon vorher üblich oder vorherrschend gewesenen theils ganz, theils annähernd überein, und auch die abweichenden und neuen sollen uns recht sein, vorausgesetzt, daß sie nun, besonders auch amtlich, stets festgehalten werden.

Trottoire. – Oeffentliche Plätze.

Wenn man indeß beweisen wollte, daß Barmen die Stadt der Widersprüche sei, so könnte man aus der Straßenbenennung ein gewiß schlagendes Beispiel entnehmen: die einzige Barmer Straße, welcher das Prädikat ,,klein“ beigelegt wurde, nämlich die „Kleine Werthstraße“, gehört fast zu den längsten der Stadt, und die ,,Lange-Straße“ (in Unterbarmen)[heute Besenbruchstr., Anm. JNK] dagegen entschieden zu den allerkleinsten!

Seit einigen Jahren besteht der für Verschönerung und Verkehr sehr bedeutsame Plan, vor und nach, unter Beseitigung der bisherigen Haustreppen – Vorsprünge, in allen oder wenigstens den frequentesten, wie auch den neu entstehenden Straßen, zu beiden Seiten möglichst regelmäßige Trottoire von Steinplatten anzulegen, nebst ausgehauenen Rinnsteinen und eisernen Quer-Wasserdurchlässen. In dem Hauptsitze des Barmer Detailhandels, dem Bazar unserer Stadt, welcher aus der Mittelstraße und den ihr benachbarten Theilen der Werther-, Heubrucher-, Wupper- und Schuchard-Straße und des alten Markts besteht, ist damit bereits ein recht dankenswerther Anfang gemacht, hier und da auch in andern Theilen der Stadt, und gegenwärtig wird in der Wertherstraße rüstig damit fortgefahren. Barmen erlangt durch diese Neuerung einen wirklich angenehmen, den Gesammt-Verkehr erleichternden Vorzug, welchen die Nachbarstadt Elberfeld gerade in denjenigen ihrer Straßen, denen er am nöthigsten wäre, wegen Mangel an Raum nicht oder nur sehr unvollkommen sich aneignen kann, und den gewiß auch das besuchende auswärtige Publikum bald erkennen und würdigen wird. Bei Neu- und Umbauten muß in Barmen überall für das Trottoir, falls es nicht gleich mit hergestellt wird, wenigstens Raum gelassen werden.

Neumarkt. – Alte Markt. – Denkmalsplatz.

Unter den öffentlichen Plätzen Barmens nimmt der Rathhausplatz oder Neumarkt („Neue Markt“) die erste Stelle ein. Er liegt ziemlich genau in der Mitte der Stadt und ganzen Gemeinde und ist aus zwei großen Gärten, von denen der eine zum Rathhaus und der andere zum jetzigen Amtshause gehörte, erst in neuester Zeit · hergestellt worden. Daraus erklärt sich, daß nur wenige der ihn um: gebenden Häuser ihn unmittelbar berühren und ihm ihre Frontseite zuwenden; die meisten sind sogar durch eine Mauer von ihm geschieden. Nichts destoweniger macht dieser rechtwinkliche und geräumige Platz dem Auge einen freundlichen Eindruck. Er ist nicht nur von mehrfachen Baumreihen durchzogen, sondern in seiner Mitte auch von einer häuserlosen, immer frei bleibenden Chaussee, wodurch namentlich bei Jahrmärkten der Zugang zu den dann an beiden Seiten aufgestellten mannichfachen Schaubuden, wie auch zu den nach rechts und links sich hinziehenden Reihen von Verkaufsbuden, möglichst bequem zu erreichen und alles recht übersichtlich wird. Auch an der Nordseite dieses Platzes zieht sich eine Straße hin, die an ihrer Marktseite unbebaut bleibt und ihrer Verlängerung nach Osten entgegenharrt. Obgleich 1 Morgen und 102 Ruthen groß, erscheint dieser Platz an Jahrmärkten schon jetzt zu klein. Eine dankenswerthe Vergrößerung dürfte indeß durch Abbruch eines der Stadt gehörenden, von einem Brauer und Wirthe bewohnten Hauses und durch gleichzeitige Verkleinerung des Amtshaus – Hofes leicht zu erzielen sein. Es könnte dadurch zugleich, was auch nicht unwesentlich ist, noch ein weiterer Zugang zu dem Platze gewonnen werden.

Der Alte Markt ist, wie schon gesagt, kaum als ein Platz zu betrachten, fast nur eine breite, unregelmäßige Straße, dem einige engere kleine Straßen als Anhängsel und Zubehör dienen. Den mit einem zierlichen Brunnen versehenen Wichlinghauser Markt erwähnten wir schon. Dazu kommt nun, außer dem kleinen, aber gefälligen, mit einigen Bäumen bepflanzten Wupperfelder Markt, besonders noch der Unterbarmer Kirchplatz und der ihm gegenüber liegende, durch die Evang. Kirch-, die Allee- und die Friedrich Wilhelms-Straße auf’s schönste mit ihm verbundene Denkmalsplatz. Jener trägt auf seinem nördlichen Rande die evangelische Kirche, auf die wir weiter unten zurück kommen werden, ist rechtwinklich, hübsch durch Baumreihen begränzt und hinter Wegesbreite von Pastorat- und andern Häusern umgeben. In der Mitte des etwas kleineren und etwas höher an der Eisenbahn liegenden Denkmalsplatzes, dem Eingange der Kirche gerade gegenüber, erhebt sich in mäßigen Dimensionen ein aus Steinen gehauenes Denkmal, welches patriotische Barmer Bürger ihrem ersten preußischen Landesherrn, dem hochseligen Könige Friedrich Wilhelm III. errichten ließen. Es wurde im Jahre 1841, in persönlicher Anwesenheit Friedrich Wilhelms IV., feierlich eingeweiht, und gereicht immerhin dieser schönen Stelle des Thales zu einer weiteren Zierde. –

Begräbnißplätze. – Rathhaus.

Ferner verdienen noch die beiden Bahnhofsplätze hier genannt zu werden, und endlich auch die verschiedenen Kirchhöfe. Die gegenwärtig in Gebrauch stehenden sind sämmtlich in einiger Entfernung von der eigentlichen Stadt gelegen: der Wupperfelder lutherische unweit der Mitte der Heckinghauser-Straße, der Wichlinghauser bei Westkotten, der reformirte an der Bartholomäusstraße, der unirt-evangelische in ziemlicher Höhe westlich von der Ronsdorfer-Straße, der katholische in der Nähe der Carnaper-Straße und hinter dem katholischen Waisenhause. Der frühere lutherische hinter der Wupperfelder Kirche erhielt vor einigen Jahren neue Baumanpflanzungen und sich schlängelnde Wege zum Spazierengehen. Für das Auge vertritt auch z. B. die im Privatbesitz befindliche, grün bewachsene, meist als Bleiche und Weide benutzte Fläche zwischen dem Werther Bollwerk und den Häusergruppen des Sehlhofs gewissermaßen die Stelle eines bedeutenden Stadtplatzes, – nur daß wir ihn nicht betreten dürfen.

Von den öffentlichen Gebäuden der Stadt nennen wir schuldiger Maßen zuerst das Rathhaus. Es kann sich zwar an Großartigkeit und Kostbarkeit mit dem Elberfelder Rathhaus durchaus nicht messen, hat aber vor diesem eine ungleich vortheilhaftere, freiere Lage voraus und ist im italienischen Renaissancestyl, jedoch neuerdings modernisirt, auch an sich recht ansehnlich und schmuck, 100 Fuß lang, 46 Fuß tief, 24/2 Etagen hoch. Die Vorderseite ist der gehörig breiten und geraden Wertherstraße zugekehrt, die es mittelst zweier niedrigen Flügelanbauten berührt. Ein Hofraum zwischen letzteren führt zum Eingang. Die Hinterseite aber sieht nach dem oben beschriebenen Neumarktsplatz, von dem sie nur durch einen kleinen Gewächs- und Blumengarten getrennt ist. Das Rathaus enthält die Wohnung des Herrn Oberbürgermeisters, den in seiner Grundform kreisrunden Versammlungssaal der Stadtverordneten und die Schreibzimmer der Verwaltungsbeamten. Das Gebäude war übrigens nicht von vorn herein für seinen jetzigen Zweck bestimmt; es wurde vielmehr als Privathaus erbaut und vom Freiherrn von Carnap bei seinem Fortzuge im Jahr 1825 der Gemeinde für den sehr billigen Preis von 27,230 Thlr., einschließlich des Gartens, überlassen. Mit den Um-, An- und Aufbauten etc. wird es der Stadt etwa 50,000 Thlr. gekostet haben.

Amtshaus. Gottesdienstliche Gebände.

Gleich neben dem Rathhaus, nur durch den Haupt-Eingang zum Neumarkte von ihm getrennt, steht das viel höhere, aber weniger geschmackvolle Amtshaus, in welchem die Bureaux der Polizei, der Telegraphenstation und des Personenstandsbeamten, die Sitzungen des Friedens-, des Gewerbe- und des Polizeigerichts, die Gemeindesteuereinnahme u. a. m. sich befinden. Es wurde sammt seinem zum Neumarkt gezogenen Garten ebenfalls, als früheres Privat-Eigenthum, von der Stadtgemeinde käuflich erworben.

An Kirchen, gottesdienstlichen Gebäuden besitzt Barmen 2 evangelisch-lutherische (1 zu Wupperfeld und 1 in Wichlinghausen), 1 evangelisch-reformirte (auf Gemarke), 1 unirt evangelische in der Mitte von Unterbarmen), 1 katholische (im Unterdörnen), 1 der (gläubig-) freien evangelischen oder Independenten-Gemeinde von Elberfeld und Barmen (ebenfalls im Unterdörnen), und 1 der Elberfeld – Barmer Baptistengemeinde (an der Gasstraße.) Außerdem halten verschiedene Sekten noch in Privathäusern ihre gottesdienstlichen Versammlungen.

Unterbarmer Kirche. Katholische Kirche.

Unter den genannten Gotteshäusern zeichnet sich hauptsächlich die Unterbarmer unirt-evangelische Kirche durch architectonische Schönheit aus. Sie steht auf dem oben beschriebenen freundlichen Kirchplatze und fällt sowohl auf der Alleestraße als auch auf der Eisenbahn dem irgend aufmerksamen und empfänglichen Reisenden angenehm in die Augen. Sie wurde nach einem Plane des Oberbauraths Hübsch – ein Name, dem dieses Bauwerk in jeder Beziehung entspricht, – im neugriechisch-arabischen Rundbogenstyl von Bruchsteinen, die äußerlich mit Quaderhausteinen geblendet wurden, auf 13 Fuß tiefen Fundamenten erbaut. Neun Stufen führen zu dem Haupteingang, welchen drei Thüren unter einer 20 Fuß langen Vorhalle bilden. Ueber letzterer erheben sich zwei, in der Mittelwand angelegte, mit einer Gallerie verbundene schlanke Thürme, das ganze Gebäude und besonders feine Vorderseite würdig schmückend. Das Schiff der Kirche, 113 Fuß lang, 70 Fuß tief und einen Raum von 6000 Quadratfuß umschließend, macht auch in seinem Innern, mittelst doppelter Reihen massiver, 14/2 Fuß starken und mit Würfelknäufen gezierter Rundsäulen, von denen die untern die 2500 Quadratfuß enthaltenden Emporbühnen und die obern die mit bemaltem Holze bekleidete Decke tragen, ferner durch entsprechende doppelte Fensterreihen und überhaupt durch zierliche Einfachheit gewiß einen guten Eindruck. Nur dürfte es doch Manchem nicht zusagen, daß die Decke nicht kirchenmäßig gewölbt, sondern horizontal erscheint, und eben so wenig, daß der Altar nicht von einem Chor umschlossen ist. An der Hinterseite des Gebäudes führen zwei Eingänge nach der Sakristei, der Orgelbühne, dem Versammlungszimmer des Presbyteriums etc.. Neben dem Eingange rechts steht das marmorne Denkmal, welches die dankbare Gemeinde ihrem Haupt-Stifter, Caspar Engels, errichtete. Diese schöne Kirche, welche, wie zum Theil auch die andern der Stadt, nicht nur mit Glocken von kräftigem Geläute, mit gehöriger Thurmuhr und vorzüglicher Orgel, sondern auch mit Heizapparat versehen ist, wurde im Jahre 1832 vollendet, die Gemeinde selbst aber, welche, wie wir bereits erwähnten, jetzt schon als die größte der Stadt mehr als 15,600 Seelen zählt, im Jahre 1821 gegründet, nachdem in 3 vorhergegangenen Jahren die Sache vorbereitet und die großen Schwierigkeiten, welche namentlich der zu lösende kirchliche Verband mit Elberfeld, (und zwar sowohl mit der lutherischen als mit der reformirten Gemeinde daselbst,) begreiflicher Weise verursachte, überwunden worden waren. Bis zur Einweihung der Kirche waren die Gottesdienste der neuen Gemeinde in einem von Caspar Engels erbauten geräumigen Kirchhause, dem jetzt Ostermann’schen Wohnhause an der Alleestraße.

Auch die katholische Kirche ist nicht ohne architectonische Vorzüge. Ihrem Grundplane nach kreuzförmig, besitz sie vier Portale, von denen das südliche eine von vier jonischen Säulen getragene Vorhalle zeigt, und 3 Kirchenschiffe, von denen das mittlere, durch Pfeiler und Schwiebbogen von den halb so breiten Seitenschiffen getrennt ist.

Auf die Kirchen zu Gemarke, Wichlinghausen und Wupperfeld kommen wir in unserm geschichtlichen Theile zurück.

Schon ist sowohl in der reformirten als in der Wichlinghauser lutherischen Gemeinde von der Erbauung einer neuen Kirche lebhaft die Rede, und auch die Gemeinde Wupperfeld wird in nicht allzulanger Zeit genöthigt sein, zum Bau eines zweiten Gotteshauses überzugehen.

Missionshaus. – Missionsfinderhaus. – Missionmuseum.

Nördlich von der Unterbarmer Kirche, jedoch von dieser durch die Wupper und einen Auslauf des Haardtgebirges getrennt, befinden sich im Landbezirk, an der Osterbaum-Loher Chaussee, die Gebäulichkeiten der Rheinisch-Westphälischen Missionsgesellschaft. Es sind ihrer 3, nämlich :

1) Das eigentliche Missionshaus, dessen Umfang jetzt eben (1861/62) durch einen bedeutenden Anbau mehr als verdoppelt wurde. Es ist nunmehr nicht nur von allen Gebäuden Barmens das längste, sondern auch von allen deutschen Missionshäusern das größte und bedeutendste, 170 Fuß lang, zu beiden Seiten 42 und in der vorspringenden Mitte 54 Fuß tief und 3 Etagen hoch. Es werden in ihm, als dem Missionsseminar der genannten Gesellschaft, junge Leute, meist aus dem Handwerkerstande, zu Missionaren ausgebildet und, wenn sie die erforderliche Reife erlangt und die kirchliche Ordination empfangen haben, nach den Heidenländern abgesandt, um dort das Christenthum und die Civilisation auszubreiten. Nebenan zur Linken befindet sich:

2) Das Missions – Kinderhaus, ein auch nicht unansehnliches, ebenfalls dreistöckiges Gebäude, in welchem die in der Heidenwelt geborenen Kinder der von hier ausgesandten Missionare sorgsame Erziehung und Schulbildung erhalten, eine Wohlthat, welche ihnen bei ihren Eltern, so lange diese ihrem Berufe nachgehen, selbstverständlich nicht wohl hätte zu Theil werden können. Rechts, an der östlichen Seite steht:

3) ein kleines Haus, früher eine Elementarschule, jetzt die Wohnung des zweiten Missionsinspectors Herrn von Rohden, während der erste, Herr Dr. Fabri, die seinige in dem Haupthause hat. Mit dem Missionsseminar ist auch eine Art Museum verbunden, nämlich eine reichhaltige, noch stets anwachsende und gegen ein beliebiges kleines Geschenk für die Mission jedermann zugängliche Sammlung von Merkwürdigkeiten, welche von den Sendboten in Südafrika, Ostindien, China u. s. w. hierher geschickt wurden, nämlich: wohlausgestopfte Thiere, verschiedene Naturproducte des Pflanzen- und Mineralreichs, fremdartige Erzeugnisse heidnischen Gewerbfleißes, als: Waffen, Kleidungsstücke, Schmuckgegenstände, Götzenbilder u. a. m. – Viele Bewohner und Besucher des Wupperthals ahnen gar nicht, wie viel des Sehenswerthen hier bereits sich zusammengefunden hat.

Realschule. – Wupperfelder Filiale.

Das Realschulgebäude, im modernen Rundbogenstyl 1859/60 erbaut, ist vielleicht bis jetzt von allen in Rheinpreußen vorhandenen Gebäuden gleicher Bestimmung das größte und schönste. Es steht an der Bahnhof- und Winklerstraße, ganz in der Nähe des Haupt-Bahnhofs, und ist schon aus letzterm und aus jedem Eisenbahnzuge heraus zu sehen. Die schönere Seite ist jedoch nicht der Eisenbahn, sondern der Bahnhofstraße zugekehrt, und der Haupteingang ist von der Winklerstraße aus an der Ostseite. Das Gebäude ist 111 Fuß lang, 96 Fuß tief, bis 56 Fuß hoch, und enthält in 3 Etagen: 18 Lehrsäle, 3 Säle für das naturhistorische Museum, 1 für ein chemisches. Laboratorium, 1 physikalisches Cabinet, 1 Bibliothekzimmer, 1 Aula, 1 Conferenzzimmer, sodann die Wohnung für den Herrn Direktor und die für den Castellan. In der Mitte befindet sich ein großer Lichthof. Die Heizung der Schulräume geschieht mittelst warmer Luft. Das Ganze, einschließlich des Platzes, des zu ihm gehörenden äußern Hofes und Gartens, so wie der innern Einrichtung, kostete 70,000 Thlr. Die Anstalt, der es gewidmet ist, erwuchs aus der im Jahr 1823 zu Stande gekommenen Vereinigung des Rectorates der reformirten Gemeinde und eines Privatinstitutes des Herrn J. J. Ewich, hieß unter dem ersten Director Herrn W. Wetzel 23 Jahre hindurch Stadtschule, auch Höhere Stadtschule, empfing 1846 das Prädikat einer Realschule und unter dem jetzigen Director Herrn Dr. Thiele 1859 das einer Realschule erster Ordnung. Ihre Lehrkräfte bestehen gegenwärtig aus 1 Director, 3 Oberlehrern, 12 ordentlichen Lehrern, und 6 technischen Lehrern. Die Zahl ihrer Schüler beträgt jetzt circa 450 in 11 Klassen. Es sind auch 2 Gymnasialklassen mit ihr verbunden, welche vor und nach zu einem vollständigen Gymnasium ausgebildet werden sollen. Eine eigenthümlichere Einrichtung der Realschule ist, daß seit Herbst 1861, mit ihr organisch verbunden, stark 20 Minuten von dem beschriebenen Hauptgebäude, nämlich am Ende der Sternstraße, in einem ebenfalls neuen und ansehnlichen städtischen Schulhause, Parallelklassen ihrer Sexta und Quinta, so wie der Sexta der höheren Töchterschule, sich befinden.

Höhere Töchterschulen. – Elementarschulen. – Leihanstalt.

Das frühere Real- oder Stadtschulhaus in der Karlsstraße [heute Höhne, Anm. JNK] ist seit 1861 das Hauptlokal der mit der Realschule unter einem Curatorium stehenden städtischen Höheren Töchterschule. Dieselbe hat jetzt in der Person ihres bisherigen Conrectors Herrn Dr. Kleinpaul einen eignen Rector erhalten. Es wirken an ihr außer diesem 3 Lehrer und 3 Lehrerinnen. Die Mädchenklaffe der Filialschule in Oberbarmen bleibt unter Direction des Herrn Director Thiele.

Unterbarmen befißt seit längerer Zeit noch eine besondere Höhere Töchterschule, bisher Privatanstalt, jetzt ebenfalls öffentlich und städtisch, seit kurzem, in einem von der Stadt neuerbauten Hause an der Druckerstraße.

Eine niedere und höhere Gewerbeschule unter Direction des Herrn Dr. Behme, nebst einer gewerblichen Fortbildungsschule soll in nächster Zeit errichtet werden und in dem von der Stadt angekauften früher Abr. Rittershaus’schen Hause, (dem „Bollwerk“ an der Cleferstraße gegenüber), in welches auch die bis jetzt in der Rödigerstraße befindliche Städtische Leihanstalt verlegt werden wird, ihr Lokal finden.

Die 23. Elementarschulen Barmens verdienten, zum Theil auch in architectonischer Beziehung, ebenfalls hier einzeln aufgeführt und besprochen zu werden; doch wollen die Raumverhältnisse unseres Buchs uns dies nicht gestatten. Wohl aber erlauben wir uns hier noch eine allgemeinere Bemerkung.

Die vielen und meist schönen und zweckmäßigen Schulgebäude gereichen unserer Stadt und ihrer Verwaltung gewiß sehr zur Ehre, sind jedoch andrerseits auch die Hauptursache der Gemeindeschuld und der Höhe unserer Communalsteuer, – was schwerlich anders möglich war. Jetzt indeß, wo wohl nirgend in Barmen mehr der Schulweg zu weit ist, dürfte es an der Zeit sein, für den nicht ausbleibenden Fall abermaliger Ueberfüllung von Schulklassen wo möglich solche Anordnungen zu treffen, welche den so überaus wichtigen Schulzwecken vollkommen Rechnung tragen, ohne durch weitere Schul-Neubauten die Gemeinde mehr, als unbedingt nothwendig ist, zu belasten. Einer unserer Stadtverordneten hat bereits in dieser Beziehung Vorschläge gemacht, deren Grundidee richtig und ausführbar sein dürfte, nämlich: eine täglich möglichst lange Benutzung der Schulräume und Theilung der Schüler in sich abwechselnde Parallelklassen, bei entsprechender Vermehrung der Lehrkräfte.

Posthaus. – Kranken-, Armen-, Waisenhäuser. – Gasanstalt.

Nach der Gegend der Realschule zurückkehrend, haben wir in unmittelbarer Nähe nicht nur das bereits erwähnte Stationsgebäude des Barmer Haupt-Bahnhofs, sondern gleich daneben auch das vor wenigen Jahren erbaute geräumige und schöne Posthaus, den Sitz unseres Postamtes, dem, wie schon berührt, besondere Postexpeditionen in Unterbarmen, Wupperfeld, Rittershausen und Wichlinghausen untergeordnet find. Bis vor einem Paar Jahrzehnten hatte Barmen noch gar kein Postamt, sondern blos solche Postexpeditionen, die vom Elberfelder Postamte abhängig waren. Und nun schon dieser großartige Verkehr in unserm Posthause, – neben jenen besondern Postexpeditionen, neben Eisenbahn, Packetbeförderungsanstalt, Omnibus, Droschken, Briefkasten und Boten!

An öffentlichen Gebäuden nennen wir zunächst noch das städtische Krankenhaus im Keinen Werth, in Folge eines Osterroth’schen Geschenks mit 2 Flügelanbauten vergrößert; das reformirte Armenhaus, nahe dabei an der Bachstraße; das so eben auch durch einen schönen Anbau vergrößerte lutherische Gemeindehaus hinter der Wupperfelder Kirche; – das auf dem Kothen in freier Höhe gelegene Waisenhaus der unirt-evangelischen Gemeinde, das katholische Waisenhaus an der Karnaper – Straße, und die verschiedenen Pastorathäuser, von denen das noch neue reformirte an der Mittelstraße und dem Alten Markte – das größte und architectonisch bedeutendste ist.

Die Barmer Gasanstalt, welche auf Actien gebaut wurde und statutmäßig allmählich in den Allein-Besitz der Gemeinde Barmen übergehen soll, ist eine der großartigsten in weitem Umkreise, wo auch schwerlich eine andre gleich weite Strecken mit Gas zu versorgen haben dürfte. – Eben jetzt wird bei Heckinghausen eine Filial-Gasanstalt für Oberbarmen erbaut.

Geschlossene Gesellschaften. – Concertsaal. – Turnhalle.

Von den vorzugsweise der Erholung und mündlichen Unterhaltung gewidmeten geschlossenen Gesellschaften Barmens haben die Concordia (in der Werther-Straße), das Parlament (Parlamentstraße), die Genügsamkeit (Karlsstraße) und der „Verein für Kunst und Gewerbe“ (Färberstraße) eigne und mehr oder minder ansehnliche Gebäude. Mit dem Verein für Kunst und Gewerbe sind, aus den Beiträgen der sehr zahlreichen Gesellschaftsmitglieder fondirt, eine Vereins- und eine Volksbibliothek, eine Freihandzeichnenschule, eine Linear- Zeichnenschule und eine Sonntags-Webeschule, – alles sehr nützliche Anstalten zur Weiterbildung junger Leute aus dem Industriearbeiter- und Handwerkerstande, verbunden. Auch werden hier für die Mitglieder – und meist auch von Mitgliedern – häufig Vorlesungen belehrenden und unterhaltenden Inhalts gehalten. Andere Vorträge, meist von Bonner Professoren und Wupperthaler Theologen und Pädagogen, (zum Besten des Gustav-Adolfs-Vereins, der Reallehrer-Wittwenkasse etc.), auch wohl von reifenden Literaten und Virtuosen im Vorlesen, finden in der Concordia statt. Ebenso die vorzüglichsten Concerte und Bälle. Mittelst eines bedeutenden Anbaues und damit verbunden gewesenen innern Umbaues älterer Räume hat die Concordia kürzlich eine große artige, noble Einrichtung und unter anderm namentlich einen ungewöhnlich hohen, auch akustisch durchaus gelungenen und äußerst geschmackvollen neuen Concertsaal gewonnen. Derselbe hat nämlich 90 Fuß Länge, 46 Fuß Tiefe und 35 Fuß lichter Höhe, einen fein parquettirten Fußboden, eine Decke mit gestirnartiger, keinen Schatten zulassenden Gasbeleuchtung und mit großen Hohlkehlen nach den Seitenwänden hin, 7 große Fenster an der einen, 2 große Spiegel an der andern Langwand, ein amphitheatralisches Orchester und im Hintergrunde eine treffliche Orgel, von der, weil ihr Gehäuse außerhalb angebracht wurde, nur die Fronte sichtbar ist. Der ganze Saal ist in einem ruhigen, den antiken Formen sich anschließenden Charakter gehalten, die Orgelfronte rein griechisch. Das Gesammtgebäude hat einen Werth von 100,000 Thlrn. von allen Städten des Continents war Barmen die erste, die einen Concertsaal mit vollständiger Orgel erhielt.

Die Turnhalle des Barmer Turnvereins steht auf dem Clef, an der Heckinghauser – Straße, im Landbezirk. Sie wurde auf Actien 1861/62 erbaut, und zwar in Holzarchitectur. In der Grundform bildet sie ein Quadrat, dessen Seiten je 60 Fuß betragen. Der Turnraum hat die volle Breite von 60 Fuß und in dem 30 Fuß breiten Mittelschiff eine bis unmittelbar an das Dachwerk reichende Höhe von durchschnittlich 35 Fuß. Ueber den beiden nur 16 Fuß hohen Seitenschiffen befinden sich 1 Saal und 2 Garderobenzimmer für die Turner und die Wohnung des Castellans. Die Hinterwand bildet ein halbes Octogon; vorn ist ein Treppenhaus – Vorbau. Mit dem Grundstück, das auch noch einen hübschen Turnplatz im Freien enthält, kostet die Anlage an oder über 11,000 Thlr.

Gasthäuser. – Gartenwirthschaften.

Auch unter den neuen Fabrikgebäuden nnd Wohnhäusern zeichnen sich schon nicht ganz wenige auch in architectonischer Beziehung vortheilhaft aus. Doch wollen wir dem Leser überlassen, diese selbst herauszufinden.

Gasthäuser sind: der Clevische Hof von Plum, zum Schützenhaus von Rehse, (beide in Mittelbarmen), Gasthof zur Pfalz von Klier (in Oberbarmen), Hotel Hegelich (in Unterbarmen) u. a. m.

Die Herberge zur Heimath (Oberdörnen) ist aus christlicher Liebe gegründet, um besonders reisenden Handwerksgesellen ein sittlich ungefährliches und geistig förderndes Quartier zu bieten. Daneben halten in diesem Hause mehrere der christlichen Vereine ihre Zusammenkünfte.

Noch müssen wir der Garten- oder Sommerwirthschaftslokale gedenken. Gerade auch in dieser Beziehung hat unsere Stadt in den letzten Jahren besonders in die Augen fallende Fortschritte gemacht. Rehse’s Schützenhalle und Garten, (früher Döppers Garten), worin die Schützengesellschaft ihre Schießübungen hält, auch Concerte, Sommertheatervorstellungen und gelegentliche Festessen etc.. stattfinden, der in 6 Terrassen schön am Fatelhofberg hinansteigende P. W. Halbach’sche „Garten Sanssouci“, die fKraut’sche Wirthschaft „Auf dem Felsenkeller“ und die Kreuzer’sche „Zur schönen Aussicht“ sind sämmtlich dicht an der Stadt, nicht weit von deren Mitte, nördlich, und gewähren von ihren obern Räumen herrliche Ueberblicke über Ort und Gegend, bis weit über Schwelm hinaus. Auf der Südseite, etwas weiter vom Mittelpunkte des Verkehrs, auf der Höhe einer Schlucht, ist das Sommerlokal von G. Halbach „Im Fischerthal“, mit etwas engerer, aber reizender Aussicht, mehreren Springbrunnen und Anfängen eines zoologischen Gartens. — Besonders fein, sowohl was Lage und Natur, als was die Garteneinrichtungen und die meist wie gewählt erscheinende Gesellschaft anbelangt, ist die noch etwas entferntere Wildförster’sche „Villa Foresta“, hinter dem Oberheydt und unmittelbar oberhalb des Hofes „Am Sonnenschein“. Die Stadt präsentirt sich man möge nun vom Rittershauser Bahnhof oder vom Bahnhof Barmen oder von einem andern Punkte des Thales aus die Wanderung beginnen, vielfach -und schön auf dem Wege dahin; in der Lokalität selbst aber ist die Stadt größtentheils verdeckt, dagegen der Blick in’s Gebirge, in’s Rauenthal, nach Heckinghausen, dem obern Rittershausen etc. um so romantischer und lieblicher. Wir rathen jedem Naturfreund, diese Gelegenheit nicht zu versäumen. Zwei große Hallen, 26 im abschüssig liegenden Garten mit Geschmack vertheilte zeltartige Lauben und eine Anzahl Zimmer im Hause, — das niedlichste ganz oben am Giebel desselben, stehen bereit, die Besuchenden zu empfangen.

Parkmangel. Spaziergänge.

Oeffentliche, städtische Parkanlagen hat Barmen bis jetzt nicht. Fände sich aber ein anderer Dr. Diemel, der es sich zur Aufgabe machte, unserer Stadt diese Annehmlichkeit zu verschaffen, so würde er ohne Zweifel bei den Wohlhabenden vielfache Unterstützung finden. Die beste Stelle dazu wäre wohl die Gegend am Hohen Stein“, oder, falls diese nicht zu erlangen wäre, der Fattelhof- oder Fatlofberg.

An mannichfacher Gelegenheit zu interessanten und genußreichen Spaziergängen fehlt es übrigens auch jeßt nicht. Außer den in dieser Beziehung bereits angedeuteten Wegen empfehlen wir z. B. noch folgende: 1) von Rittershausen durch das Rauenthal am obern Caron’schen Hause – der ehemaligen Burg Ruendahl – vorbei nach und über der sogenannten Buschenburg, einem Märkischen Gränzberge, der freilich weder eine Burg noch eine Wirthschaft, noch sonst anlockende Anlagen hat, wohl aber treffliche Aussichtsstellen. Hier hat man ganz Barmen frei vor sich daliegen „wie ein geträumtes Arkadien“ sagt etwas überschwenglich das Berghaus’sche „Reisehandbuch von Deutschland“. An einem südöstlichen höchsten Punkte im Walde sieht man außerdem auch Langerfeld, Schwelm, Gevelsberg und auch nach Beyenburg zu weithin das romantische Thal und Gebirge der Wupper. 2) Von der Rödiger- oder Carnaper -Straße durch den Schönebecker Busch nach der Schönebeck und dem Missionshaus, dann umkehrend am Roh vorbei und oberhalb der Korzert von der Chaussee aus den Bergpfad hinter dem Hohenstein her bis wieder nach dem obern Ende der Rödiger-Straße. Besonders über dem Hohenstein erscheint Barmen großartiger, als es wirklich ist, indem manche Zwischenräume von hier aus verdeckt sind. An der einen Seite des kleinen Bergwäldchens hat man Dörnen, Bruch, Mittel- und Oberbarmen, nebst Langerfeld, Schwelm etc.., nach der andern das noch etwas idyllischer erscheinende Unterbarmen nebst einem Theile von Elberfeld. Der Hohestein selbst ist ein schroffer und nackter, ziemlich großer, vermuthlich durch vulkanische Gewalt in der Vorzeit emporgetriebener Felsen, dem mehrere etwas kleinere Gesellschaft leisten. 3) Vom Anfangspunkt der Bredde über den Fattelhofberg nach Westkotten (und von da etwa noch bis nach Markland oder der Müggenburg etc. und zurück über einen Theil der Westkotter- und Leimbacher-Straße, dann durch das Maibüschchen und über den Wichelhausberg bis zum obern Thore des Rehse’schen, früher Döpper’schen Gartens und beliebig in die Stadt. — 4) Die Werlestraße hinauf und weiter in’s Gebirge nach rechts oder links, und zurück über Heckinghausen oder den Heydt. – 5) Vom Heydt hinter der Bredt’schen Villa her nach dem Tempelchen in dem der Stadt gehörenden Theile des Barmer Waldes, wo die Aussicht nach Rade vorm Wald, Remlingrade etc. und auf Cöln zu sich öffnet, und zurück durch’s Fischerthal oder über die Höhe westlich desselben und durch die Tannenallee den Berg hinab. 6) Vom Fischerthal auf der neuen Ronsdorfer Chaussee nach dem Lichtenplatze und zurück auf einem der Pfade, die von dieser Chaussee nach verschiedenen Stellen des Stadttheils Unterbarmen führen, etwa an den Springen, an dem evangelischen Waisenhause und dem Kothen vorbei. – Die materielle Beschaffenheit mehrerer der hier empfohlenen Wege bedarf allerdings hier und da noch sehr einer Nachhülfe. – Ueberhaupt würde eine tüchtige Verschönerungs-Commission, welcher durch Vermächtnisse oder durch Collecten ausreichende Mittel zur Verfügung gestellt wären, in Barmen noch ein ebenso weites als lohnendes Arbeitsfeld haben.

An manchen Höhepunkten Barmens wird nach der einen Seite der Hintergrund der Ansicht durch die stolzen zwei Thürme der hochliegenden großen Kirche von Schwelm, nach der andern durch den bei Elberfeld erwähnten schmucken Thurm der Elisenhöhe angenehm und vortheilhaft gehoben.

Sagenanklänge. – Etymologisches.

Ruinen aus grauem Alterthum, Denkmale römischer, byzantinischer, gothischer, alt- und mitteldeutscher Kunst und welthistorisch besonders wichtige Stellen kann Barmen eben so wenig wie Elberfeld aufweisen. Auch wirkliche, erwiesener Maßen von uralter Zeit her im Volke selbst vollständig ausgeprägte Lokalsagen fehlen ihm, wie der Schwesterstadt. Wohl aber finden sich, theils in Büchern, theils auch wirklich einiger: maßen im Volksmunde, einzelne sagenhafte Anklänge. Die überwiegend wichtigsten derselben, nämlich die an heidnische Vorzeit unseres Thales erinnernden, sparen wir für den geschichtlichen Theil unseres Buches auf. Hier aber sei zunächst noch bemerkt, daß der erwähnte Hohe Stein nicht nur eine heidnische Opferstätte etc.., sondern auch – wohl nach mittelalterlich christlichem Aberglauben ein Schreibepult des Teufels, gewesen sein soll, wie eine daneben stehende kleinere Felsenkuppe „des Teufels Dintetaß“ genannt wird. Gedenken wir am Hohen-Stein aber auch noch einer spätern schönern Zeit, etwa vor 70-80 Jahren, wo auf dieser Felsenhöhe von kirchlich gläubigen Gesangfreunden die Hauptfeste des Kirchenjahres mit christlichen Liedern angesungen zu werden pflegten. Die Stelle ist so romantisch, daß sie gewiß auch schon manchen Sänger, gleich dem Neander im Neanderthale zur Poesie begeistert haben mag, wie wir uns wenigstens einer Dichtung aus dem eingegangenen Barmer Wochenblatte erinnern. Sodann geht in Heckinghausen und Umgegend hie und da die Rede, es habe einmal auf dreien der dortigen Berge eine vereinigte ungeheure Gänseposen- Erzeugungsanstalt bestanden: auf der Gosenburg nämlich (- „Goos“ ist das plattdeutsche Wort für ,,Gans“ –) seien von einem ,,Gosenbauer“ die Gänse gezogen, auf der Plückersburg die Thiere geköpft und gepflückt (plattdeutsch „geplückt“) und deren Kiele („Pole“) dann auf der Polsburg für den Handel zubereitet und versendet worden; wogegen Andere die Entstehung dieser Bergnamen von einer einfachen angeblichen Diebstahlsgeschichte ableiten, nach welcher der Gosenbauer die Kiele einiger ihm gestohlener Gänse auf dem einen Nachbarberge und die Pflückfedern auf dem andern wiedergefunden habe. – Man sieht, dieses wie jenes Gerede scheint, wie auch vieles Derartige anderwärts, lediglich auf Etymologie, auf willkürlicher Deutung vorhandener, aus unbekannten Veranlassungen entstandener Namen zu beruhen.

Tariff Trippers in Wuppertal: Fred Howard

Auch Fred Howard aus Farnsworth/Lancashire, der als Angestellter einer Baumwollweberei beschäftigt war, gehörte zu den „tariff trippers“. Was schreibt er über Barmen?

„[…] Als wir im Arbeiternachweisbüro waren, äußerten wir den Wunsch, die Wohnung eines Arbeiters zu besichtigen; der Beamte kam unserer Bitte nach und er suchte einen Arbeiter. Wir gingen mit diesem, seine Wohnung zu besuchen, die aus drei großen, sauberen, und gesunden Räumen besteht, für die als Miete vier Mark die Woche ohne Abgaben zu zahlen waren. Sein Name und seine Anschrift waren Hugo Meyer, 3.Stock, Hochstraße 67, Barmen. Wir fragten ihn über seinen Beruf aus und fanden heraus, daß er ein Baumwollgarnfärber war.[…]
Die Färber um Barmen arbeiten 57 Stunden in der Woche, und alle Männer werden nach Stücklohn bezahlt. Arbeiter, die am Färberbottich arbeiten, können zwischen 30 und 36 Mark  Arbeiter, die an den Spülbecken oder großen Kästen usw. beschäftigt sind, zwischen 28 und 33 Mark pro Woche verdienen, was eine weit bessere Bezahlung ist, als sie die Mehrheit von Färbern in England erhält.“

Die Hochstraße in Barmen ist heute der östliche Teil der Straße Hohnstein, zwischen Adlerstraße und Steinweg. So zeigt es zumindest dieser Stadtplan Elberfeld – Barmen 1890.

Ob die Arbeitsbedingungen und -entlohnungen wirklich in Elberfeld und Barmen so vorteilhaft waren, wie es u.a. Fred Howard behauptet, ist zumindest zweifelhaft. Man darf nicht vergessen, dass die tariff trippers in einer politischen Angelegenheit unterwegs waren.

entnommen aus: Jürgen Reulecke, Bergische Miniaturen. Geschichte und Erfahrungen, hrsg. von Stephen Pielhoff, Essen 2010, S.237.

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