Zitate

Mein Mann, der liebt Wuppertal, und ich versteh‘ das auch, weil es so wahnsinnig ungeschminkt ist, so Eins-zu-Eins. Wir leben doch in unser Branche immer mit diesen ganzen Simulationen und Bildern und da tut das dann nach Drehschluss wirklich gut zu ganz normalen Leuten zu gehen, die das auch überhaupt nicht weiter interessiert, womit wir unser Geld verdienen.“

Ann-Kathrin Kramer im WDR 2 Montalk über Wuppertal:

Am 8. März 2015 war Harald Krassnitzer zu Gast im WDR 2 Paternoster. Dabei wurde er auch gefragt:

Sie leben jetzt schon eine geraume Zeit auch den Großteil des Jahres in Deutschland, bei Ihrer Frau in Wuppertal. Fühlen Sie sich jetzt eigentlich schon als Wuppertaler?“

Hier Harald Krassnitzers schön formulierte Antwort:

Nein, als Österreicher tut man sich da ja immer schwer, sich als etwas zu fühlen, was nicht innerhalb der Grenzen dieses Zwergstaates liegt, aber nichtsdestotrotz fühle ich mich da sehr wohl und sehr zu Hause und ich würde durchaus sagen, dass das meine neue Heimat geworden ist. Es ist einfach eine ganz lustige, schräge und ich würde fast sagen eine fantastische Stadt. Irgendwie wie ein Rohdiamant liegt sie da, völlig unbeobachtet, hat aber viele kleine Geheimnisse, man kann unglaublich viel entdecken und hat was sehr lebenswertes.“

Entnommen aus: Rheinische Post vom 13. November 1954.

Wuppertal, Stadt der vielen Gesichter

Die neue „City“ in Elberfeld / Barmer Ressentiments / Ausgleichende Kommunalpolitik

Wuppertal. Die bald wieder 400 000 Einwohner zählende Großstadt im Tal der schwarzen Wupper, die heute wie früher Magd der fleißigen Färbereien und Textilfabriken ist, bleibt eine Stadt mit vielen Gesichtern. In ihr lebt eine rührige Industrie, die ob ihrer Vielgestaltigkeit bewundernswert krisenfest ist, in ihr ist aber auch noch der fast puritanisch anmutende Geist des Protestantismus vorhanden, neben dem heute eine lebendige katholische Diasporagemeinde existiert, in ihr herrscht eine kulturelle Aufgeschlossenheit, die vornehmlich die Städtischen Bühnen unter dem in Wuppertal gebürtigen Generalintendanten Helmut Henrichs zu einem vielbeachteten westdeutschen Theater gemacht hat.

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1958 schrieb der bekannte Kunstsammler und Kritiker Albert Schulze Vellinghausen ein Essay über Wuppertal, das am 25. Januar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung veröffentlicht wurde. „In Wuppertal schwebt man“, so lautet die Schlagzeile, sie war einem Plakat des Verkehrsamtes (für den Tourismus zuständig) entlehnt. Durch die Schwebebahn erhalte die strenge Stadt etwas von einem „Vergnügungsetablissement“.

„Zugereiste behaupten, kaum eine Bevölkerung in Deutschland stände so mit beiden Beinen auf dem unvermeidlichen Boden der Realität. Die Realität ist hier ein ungemein erfindungsreicher Gewerbefleiß. Das Branchen-Adreßbuch führt 831 Arten Gewerbe und Tätigkeiten auf. Zumeist handel es sich um klug getüftelte Spezialisierungen der Textilfabrikationen, der Kleinmetallindustrie und der Herstellung von Farben und Lacken. Gleichwohl läßt sich – soweit man 400 000 Köpfe auf einen Nenner bringen darf – die Behauptung wagen, sie seien vom Grund ihres Herzens bereit „zu schweben““.

Es folgt eine kurze Beschreibung der Geschichte, beginnend mit der Garnbleiche und des ersten Aufflackerns des Protestantismus. Als dann der Calvinismus einzog, „beflügelte der feste Glaube an die Prädestination den Elan des Erwerbssinnes, Arbeit und Gewerbe wurden Gebet. Wirtschaftlicher Erfolg wurde Gradmesser für tugendhaftes Verhalten.“ Mit den Webern habe dann der Pietismus Einzug gehalten; mit karitativer Selbstlosigkeit, aber auch Messianismus, Unduldsamkeit, Fanatismus. Daher habe Wuppertal dann den Spitznamen Muckertal erhalten. Immermann habe Wuppertal „infames Nest“ genannt,  Freiligrath gar „Sektenschlucht“. Aber dass man den Wuppertaler nachsage, sich auch heute noch in 200 Sekten aufzuspalten, sei ungehörig, nur 15% (50.000 Menschen) gehörten freikirchlichen, freireligiösen und freidenkerischen Gemeinden an. Dennoch gebe es natürlich gewisse Traktate wie „Licht über sieben Donnern“ oder „Uebernatürliche Verwesungswahrheiten“. Auch wenn die Zahl dieser Zusammenschlüsse nicht mehr als 40 betrage, müsse man doch zugeben, dass auch die Lehrmeinung innerhalb der „offiziellen“ Protestantischen Kirche (Unierte, Lutherische, Reformierte) je nach Stadtteil voneinander abweichen würde…
Doch weiter in der Geschichte:

„Das Wuppertal, die damals noch feindlichen Schwesterstädte Elberfeld und Barmen zusammengerechnet, hatte vor hundert Jahren gut 85 000 Einwohner.. Es war mithin damals größer als Leipzig, Stuttgart oder München; viel größer als die Städtchen des noch nicht erschlossenen Ruhrgebiets, schien es gar eine Zeitlang die rheinische Metropole Köln zu überflügeln. Wuppertal nahm die sozialen Probleme der Gründerzeit vorweg.“

 Es folgt die Beschreibung des Armensystems, schließlich widmet sich Schulze Vellinghausen den berühmten Wupppertalern. Friedrich Engels, Hans von Marées, Wilhelm Dörpfeld, Carl Duisberg, Ferdinand Sauerbruch, Ernst Bertram und Else Lasker-Schüler. Dann kommt er auf die Kunst zu sprechen.

„Daß die Kunst früher in Wuppertal eine mehr als „geduldete“ Rolle gespielt habe, läßt sich mit keinerlei Argument belegen. Ich erwähnte schon Immermanns Abscheu. Felix Mendelssohn fühlte sich kaum weniger unwohl. Goethe spricht von „beschränkten, häuslichen Zuständen“; sogar seinem pietistischen Freunde Jung-Stilling war die doktrinäre Enge zuwider. Die Musen hatten keinen Raum im Betsaal.“

Allmählich habe sich mit der Saturierung des Wohlstands aber auch etwas Kunstsinn in der Stadt verbreitet. 1900 habe man sogar im alten Rathaus ein Museum [heutiges von der Heydt-Museum] gegründet, dass in der Hinsicht ein Unikum bis heute darstelle, da der Museumssockel an Einzelhändler vermietet worden sei. Dass die musische Tradition in Wuppertal fehlte, sei nun in der Hinsicht positiv, dass man moderne, gegenwärtige Kunst gekauft und ausgestellt habe. (Möglichweise sei das calvinitische Veto gegen bildlich-religiöser Kunst der eigentliche Grund, da die moderne Kunst vornehmlich mit Mustern arbeite… „hier zählt das paradoxe Ergebnis, daß man im konservativsten Bürgertum erstaunlich avantgardistisch sammelt.“)

„Theater aber und bildende Kunst machen noch nicht das Leben aus, das man „kulturell“ zu nennen pflegt. Es gibt in Wuppertal —von bemerkenswert guten Schulen, von der Volkshochschule, der Textilingenieurschule und der durchaus bestrebten Kunstgewerbeschule abgesehen — eine Institution, die der Stadt den Namen eintrug: Universitätsstadt ohne Universität. Diese Institution ist eine Laienakademie, schlicht genannt „Der Bund“. Im ‚Untertitel: Gesellschaft für geistige Erneuerung, gegründet 1946. Diese Gesellschaft, finanziert von der Stadt und geleitet von H. J. Leep, umfaßt Arbeitskreise und Diskussionsabende, nicht anders als manche Volkshochschule; aber zeichnet sich aus durch ein besonderes Maß Intensität, der Thematik sowohl wie der Anforderungen.“

Und wie ist es mit der Musik? Wie das ganze Bergische Land sei auch Wuppertal eine Domäne der Gesangvereine, alleine in der Stadt gebe es über 150. Außerdem brächte das Land und die Stadt viele Tenöre hervor. Darüber habe die die Stadt noch ein weiteres Paradox: Der Oberbürgermeister sei gleichzeitig SPD-Funktionär und Kleinfabrikant, kenne also die Sorgen und Nöte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern. [gemeint ist Hermann Herberts]

„Ein lebendiges Kompromiß: Fleiß und Eigensinn, Nonkonformismus, Weltflucht und Weltoffenheit, patriarchische Strenge verbunden mit tätigem Sinn für den Nächsten — diese Mischung hat sich nun, über mehr als eines Jahrhunderts Länge, durchaus realistisch bewährt und bewiesen.“

„Es wären noch manche Kuriosa zu nennen, von dem rechnenden Pferd des Juweliers Krall — dem „klugen Hans“, der zur Zeit unserer Väter die Weltöffentlichkeit faszinierte — bis zu der gewerblichen Findigkeit, mit der hier ein Fabrikherr Vermögen machte: Er exportierte Pulswärmer an den Kongo, für die kalten Nächte dort in den Tropen. Es ist Findigkeit, welche nach unserem Erachten dem Surrealismus zugehört.“

Dann ging Albert Schulze Vellinghausen der Platz auf dem Papier aus und er konnte nur noch einige Dinge anmerken, die er nicht mehr ausführen konnte. Zum Beispiel dies:

„Vieles hat sich in diesem Versuch einer kurzen Monographie der Stadt nicht einmal streifen lassen. […] Nicht die glückliche Fatalität, daß die Stadt, geographisch beengt zum Phänomen des „bebauten Grabens“, dem Schicksal entging, zum Wasserkopf und zur Millionenstadt anzuschwellen. Günstiges Geschick! denn so blieb der Stadtrand immer erreichbar. Es gibt im Westen kaum eine Industriestadt, deren Bewohner so rasch im Grünen sind — im hügelig freien Waldgelände des Bergischen Landes und seiner Höhen. Es beginnt unmittelbar am Rande der Talschlucht.“

Am 1. September 1910 erschien in der Zeitschrift „Der Sturm“ folgender Text von Else Lasker-Schüler über die Jubiläumsstadt Elberfeld:

Elberfeld im dreihundertjährigen Jubiläumsschmuck

Von Else Lasker-Schüler

„Lott es doot, Lott es doot, Liesken leegt om Sterwen, dat es, god, dat es god, gäwt et wat tu erwen!“ Ich bin verliebt in meine buntgeschmückte Jubiläumsstadt; das rosenblühende Willkomm gilt mir, denn ich‘ bin ihr Kind, die flatternden Fahnen auf den Dächern, aus den Fenstern winken mir zu, länge Rotschwarzweißarme, die mich umfangen wollen. Ich soll
überall hereinkommen. Ich bin in Elberfeld an der Wupper in der Stadt der Schieferdächer. Hohe Ziegelschornsteine steigen, rote Schlangen herrisch zur Höhe, ihr Hauch vergiftet die Luft. Den Atem mußten wir einhalten, kamen wir an den chemischen Fabriken vorbei, allerlei schärfe Arzeneien und Farbstoffe färben die Wasser, eine Sauce für den Teufel. Aber nach Newiges zu, wo die Maschinen ruhen, wie frische Drillingsbäche fließt die Wupper zwischen Wiesen und Waldalleen. Aber ich bin verliebt in meine zahnbröckelnde Stadt, wo brüchige Treppen so hoch aufsteigen, unvermutet in einen süßen Garten, oder geheimnisvoll in ein dunkleres Viertel der Stadt. Ich mag die neuen Bauten nicht —
wer aber war die Urpatrizierin des Rokokohauses aus der Friederizianischen Zeit? Es lebt noch einbalsamiert zwischen jüngst zur Welt gekommenen Fabrikanten- und Doktorhäuslern. Denn jeder etwas wohlhabende Bürger der Stadt besitzt ein Wohnhaus, worüber er Herr ist. Portiersleute gibt es in Elberfeld nicht, frech-gewordne Sklaven, die nach Belieben ein- und heraus lassen. Selbst viele Arbeiter leben im Eigentum ihrer Mütter. Gequacksalbert hat die Alte an der grünen Pumpe, noch heute heilt sie Krampfadern und Beingeschwüre. Und das berühmte Geheimmittel gegen die Cholera hat der sterbende Großvater Willig dem Vater ins Ohr gelallt und der hat es wieder dem Sohn anvertraut und nun weiß es der Enkel, der wahrscheinlich seiner gesprächigen Mutter wegen taubstumm zur Welt kam. Und überhaupt so seltsame Dinge gingen in der Stadt vor; — immer träumte ich davon auf dem Schulweg über die Au. Manchmal lief ich durch graue, lose Schleier, Nebel war überall; hinter mir kamen schauerliche Männer mit einem Auge oder loser Nacktheit; auch an Ziethens Häuschen mußte ich vorbei, der seine Frau erschlagen haben sollte, „ewwer en doller Gesell wors gewäsen“. Oft ließ ich‘ vor Angst die Bücher fallen oder der Ranzen hing mir nur noch halb auf der Schulter. Nun grünt nicht mehr die von Zäunen umgrenzte Au; Tore verschließen Häuser; kein Schulkind kann mehr auf dem Wege zur Schule säumen, jedes Fenster zur Rechten und zur Linken weckt es auf. Lebt der greise Direktor Schornstein noch, der nicht wie die roten Schornsteine rauchte, aber vor Zorn so oft fauchte? Ich bin verliebt in meine Stadt und bin stolz auf seine Schwebebahn, ein Eisengewinde, ein stahlharter Drachen, wendet und legt er sich mit vielen Bahnhofköpfen und sprühenden Augen über den schwarzgefärbten Fluß. Immer fliegt mit Tausendgetöse das Bahnschiff durch die Lüfte über das Wasser auf schweren Ringfüßen durch Elberfeld, weiter über Barmen zurück nach Sonnborn-Rittershausen am Zoologischen Garten vorbei. Mein Vater mußte an den Sonntagen mit mir dorthin gehen, der bemerkte nicht den Sekundaner mit der bunten Mütze. Auf dem Hügel im Tannenwäldchen am Bärenkäfig versprachen wir uns zu heiraten. —
Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. „Wat wollt Öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von´neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussel fahren. „Lott es doot, Lott es doot‘, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf, das überzeugt das rohe, Gesindel.. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern- —
Ich muß an alles denken und stehe plötzlich wie hingehext vor meinem Elternhaus; unser langer Turm hat mich gestern schon ankommen sehen; ich fall ihm um den Hals wahrhaftig. Leute am Fenster des Hauses bemerken, daß ich weine — sie laden mich ein auf meine Bitte, einzutreten. Schwermütig erkenne ich die vielen Zimmer und Flure wieder. Auf einmal bin ich ja das kleine´Mädchen, das immer rote Kleider trägt. Fremd fühlte ich mich in den hellen Kleidern unter den andern Kindern, aber ich liebte die Stadt, weil ich sie vom Schoß meiner Mutter aus sah. Von jeder Höhe der vielen Hügel schwebt noch ihr stolzer Blick wie ein Adler; und meines Vaters lustige Streiche stürmen eben um die Ecke der Stadt. „Wat wollt Öhr van meck, eck sie jo sing Doochter.“ Das rettet mich vor der schon erhobenen Faust eines besoffenen Herumtreibers. Das verwilderte Jahrmarktgesindel rings um mich schwenkt meine Kindheit immer wieder von neuem wie in einer vielseitigen Luftschaukel auf und nieder. Das Geklingel der Karussellmusik, begleitet von Flüchen rauher Mäuler und Kreischen frivoler Weibsbilder ist zärtlich meinem Ohr. Denn ich bin verliebt in die Stadt der Messen und Karussells. Mein Begleiter versucht mich zu überreden, mit ihm den Riesenjahrmarktplatz zu verlassen. Aber ich muß noch einige Male Karussel fahren. „Lott es doot, Lott es doot‘, ich fahr für mein Leben gern; gerade die altmodischen Holztiere sind am fröhlichsten und drehlichsten. Mein Leopard springt auf Raub. Zwischen Aujust und Aujuste die Bewußte, hinter Caal und Caaroline Alma, Luischen, Amanda. Gar nicht stolz bin ich — sie beginnen mich zu lieben. Ich bin verliebt in meine Stadt, manchmal schrei ich ganz laut auf,ndas überzeugt das rohe, Gesindel.. Den Härrn Schüler haben viele gekannt, er hat sie umsonst wohnen lassen in seinen Häusern- —

Wir gehen durch das Tor ins Elberfeld vor „dreihundert“ Jahren. Mina singt gerade im Tingeltangel ihre Liebeslieder. In rosanen Atlaspantoffeln stecken ihre Klumpfüße, ein knappes Röckchen bedeckt ihren Allerweltsleib. Diese Undame charakterisiert das Chantant einer ganzen Zeit. Ich entgehe ihrem Spotte nicht, aber ich weiß ihr Achtung einzuflößen. Ist ihr Hals etwa nicht wie Milch? Und zuguterletzt erkundige ich mich angelegentlich, wo man genau solche Pantoffeln bekommt in der Stadt, wie die ihren sind. „Die sinn ut Engeland bei Paris.“ — Nun hinein ins Köllner Hälnneskein! Gewaltsam zerre ich den Dichter zwischen die Clowns ins Innere des Brettertheaters. „Sie werden noch gestochen werden wie Ihr Vater einmal.“ Durch seine Uhr ging;
die Spitze des Metzgermessers, Am anderen Morgen führten die jammernden Eltern den heulenden Sohn vor das fieberknarrende Bett meines Vaters. Er wußte, daß sie kommen würden und drei Gläser und eine Flasche Rotwein standen zum Empfang auf dem Nachttisch. Aber er ächzte vor Schmerz, namentlich, als die fette Metzgersmutter begann, dat et dar wackere Här Schüler verzeehen mödd … Ich bin verliebt in meine Stadt, aber schon muß ich Abschied nehmen wie von einem alten, düsteren Bilderbuch mit lauter Sagen. Niemand hat mich wiedererkannt, auch in Weidenhof der Wirt nicht, der immer einen ganz kleinen Kellner für mich herbeischaffen mußte am Festtag, wenn wir dort Forellen aßen. Und die Einkehr in meine Heimat habe ich einem Dichter in Elberfeld zu verdanken, der kam dorthin lange nach mir. Paul Zechs feine künstlerische Gedichte duften morsch und grün nach‘ der Seele des‘ Wuppertals.“

In den Jahren 1846/47, also vor der Märzrevolution 1848, besuchte der englische Nationalökonom Thomas C.Banfield Deutschland und machte auch im Bergischen Land Station. Ein Auszug:

„Nähert sich der Reisende Elberfeld, dem Standort der Seiden- und Baumwollgewerbe, so bietet das Landschaftsbild völlig andere Züge als die benachbarte Grafschaft Mark, die wir gerade hinter uns gelassen haben. Hübsche Bauernhäuser mit kleinen Länderein füllen das ziemlich enge Tal. […] Die Fabriken werden fast ausnahmslos von Wasserkraft angetrieben. Sie sind daher folgerichtig entlang der Wupper, ihrem Gefälle entsprechend, angelegt. Zwischen ihnen stehen, oft ein oder zwei Meilen von der Fabrik entfernt, die Bauernhäuser. […]
Man muss gestehen, dass eine Arbeiterbevölkerung, die so verstreut auf dem Lande wohnt, einen erfreulichen Kontrast zu dem Anblick der schäbigen Siedlungen bietet, die am Eingang unserer [englischen, Anm.] Industriestädte anzutreffen sind.[…] Wir haben allerdings Zweifel, in der Hinsicht, dass der englische Arbeiter mit dem deutschen tauschen würde, wie idyllisch dem Fremden auch sein Wohnen erscheinen mag. „

Entnommen aus: Gerhard Huck/ Jürgen Reulecke: …und reges Leben ist überall sichtbar. Reisen im Bergischen Land um 1800. (Bergische Forschungen XV), Nuestadt/Aisch, 1978, S.228.

Ein französischer Adliger, der nach der französischen Revolution emigrierte und dann nach Elberfeld kam, weil ihm Düsseldorf zu unsicher geworden war, da die Franzosen das linke Rheinufer 1794 besetzten, schrieb in seinem sog. Neunten Brief:

Elberfeld muß damals [Anm.: bei Erhalt der Stadtrechte 1610] unstreitig Mauern und Thore gehabt haben; denn viele unter den noch jezt lebenden Bürgern, haben selbst noch ein Thor unter dem Namen Morianspforte gekennt, welche vor ohngefähr fünf und zwanzig Jahren erst ganz abgebrochen ist. […] Ein anderes Thor, die Feldpforte genennt, stand in der Gegend des Merkerbachs, und eine Straße ab demselben Wasser führt noch jezt den Namen, auf dem Walle.“

entnommen aus: Jürgen Reulecke, Bergische Miniaturen. Geschichte und Erfahrungen, hrsg. von Stephen Pielhoff, Essen 2010.

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